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Georgios Chatzoudis | 02.08.2014 | 666 Aufrufe | Artikel

2. August. Sonntag

Tagebucheintrag Harry Graf Kessler

"Früh die Nachricht dass die Russen Nachts unsere Grenze überschritten haben. Eine Kriegserklärung ist nicht erfolgt. Mit Musch und Reinhold Richter im Esplanade gefrühstückt. Max Bethusy und Frau da. Er geht nach der Ostgrenze; litterarische Tätigkeit in irgendeinem Generalstabe. Rudi Schröder ist bei der Marine Infanterie in Kiel schon eingezogen. Er soll begeistert sein. Nachmittags weitere Kriegsnachrichten, dass französische Flieger bei Nürnberg Bomben geworfen hätten. Bei den Maikäfern wieder zur Pferdeaushebung mich gemeldet; gleichzeitig war Armin Boitzenburg da, der Commandant des Kaiserl. Hauptquartiers geworden ist. Der Major erzählte, dass sie heute schon elf Spione in Kiel und vier in Spandau erschossen hätten, auch seien vierzig Brunnenvergifter im Elsass aufgehängt worden. Ein Offizier von den Maikäfern hat einen russischen Obersten im D Zug verhaften lassen. Es soll überall von russischen Spionen wimmeln. Abends mit Musch im Kaiserhof gegessen. Ruhig heitere Stimmung. Über Litterarisches gesprochen. Nachher U. d Linden gewaltige Menschenmassen, deren Zuversicht ohne Aufregung einen grossen Eindruck machte."

Germany at the Start of the First World War, 1914

Interview mit Dr. Roland S. Kamzelak über das Editionsprojekt "Tagebücher Harry Graf Kessler"

L.I.S.A.: Herr Dr. Kamzelak, Sie haben in einem Projekt die Tagebucheinträge von Harry Graf Kessler digital aufbereitet. Worum ging es in dem Projekt genau?

Dr. Kamzelak: 1961 erschienen die ersten Tagebucheinträge Kesslers in einer Auswahlausgabe bei Fischer mit Texten von 1918-1937. Nachdem das Deutsche Literaturarchiv Marbach den Nachlass Kesslers erworben hatte, das war ab 1987, konnte der erste Teil, also 1880-1918, erstmals ediert, aber auch der zweite Teil musste ergänzt werden. Mit der neuen Edition liegt der Text von Harry Graf Kessler nun erstmals vollständig und in wissenschaftlich fundierter Aufbereitung vor.

L.I.S.A.: Was versprechen Sie sich von einem solchen digitalen Editionsprojekt? Was ist der Mehrwert?

Dr. Kamzelak: Die Tagebücher sind in verschiedenen Disziplinen nachgefragt: Zuerst in der Kunstgeschichte, dann aber rasch in der Literatur- und nun verstärkt auch in der Geschichtswissenschaft. Die gedruckten Bände verkaufen sich in hohen Auflagen und werden interdisziplinär benutzt. Nun folgt die elektronische Ausgabe, die moderne Analysemethoden - in den sogenannten Digital Humanities - ermöglichen wird. Die reich hinzugefügten Metadaten in XML/TEI lassen sich wunderbar auswerten und mit anderen Projekten verknüpfen. Und über eine digitale Ausgabe findet der Text vielleicht auch verstärkt ein jüngeres Publikum.

L.I.S.A.: Wieso haben Sie sich die Tagebücher von Harry Graf Kessler vorgenommen? Was hat Sie an der Person bzw. an den Tagebüchern gereizt?

Dr. Kamzelak: Harry Graf Kessler ist eine schillernde Figur, der vor allem in Deutschland, Frankreich und England zu Hause war. Er hatte Zugang zu allen wichtigen Zirkeln in Kunst, Politik und Gesellschaft. Namen zu nennen, würde ein Liste von mehr als zehntausend Einträgen bedeuten. Nur andeutungsweise: Maillol, Rodin, van de Velde, Munch, Denis, Rathenau, Stresemann, Pilsudski, Hauptmann, Becher, Hofmannsthal, Dehmel, Strauss.

Er war nicht nur gebildet, sondern vielseitig interessiert an Kunst, Literatur, Politik und vor allem an Menschen und ganzen Völkern. Seine ausgiebige Reisetätigkeit bot ihm immer wieder Nahrung für Überlegungen und Projekte, die er mit seinem Vermögen auch meist umsetzen konnte. Seine Art, Tagebuch zu führen, also fast täglich und im Stil ausgereift mit vielen fast wörtlichen Gesprächswiedergaben, ist einzigartig.

Einzigartig im Stil, aber auch in der Fülle der Informationen und Eindrücke, die ein unmittelbares Panoptikum der Zeit von 1880 bis 1937 bieten. Das Tagebuch bietet alles von heiteren, vergnüglichen Passagen (z. B. der Besuch bei Verlaine) bis hin zu depressionsartigen Schilderungen, etwa zum Schluss des Ersten Weltkrieges oder aus dem Exil.
 
Dr. Roland S. Kamzelak hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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