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Georgios Chatzoudis | 19.07.2016 | 1458 Aufrufe | Interviews

"1916 war für den Ersten Weltkrieg ein Wendejahr"

Interview mit Steffen Bruendel über sein Buch "Jahre ohne Sommer"


Zehn Millionen Soldaten fielen während des Ersten Weltkriegs. Im Einsatz waren zu dieser Zeit auch zahlreiche Intellektuelle - Schriftsteller, Maler, Bildhauer. Ihre Werke prägen bis heute unsere Sicht auf den Krieg vor hundert Jahren, beispielsweise Otto Dix' Flandern, Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues oder Gabriel Chevalliers La Peur. Sie alle verarbeiten darin ihre Erfahrungen an der Front. Der Historiker Dr. Steffen Bruendel hat sich in seinem neuen Buch Jahre ohne Sommer. Europäische Künstler in Kälte und Krieg die europäischen Künstler im Krieg genauer angeschaut und sich dabei auf das Jahr 1916 konzentriert. Wie haben unter anderen Ernst Jünger, Wilfried Owen, Henri Barbusse und Arnold Zweig die Schlachten in Verdun, Gallipoli, an der Somme und im Skagerrak erlebt? Welche Rolle spielte dabei der ausgebliebene Sommer? Besteht möglicherweise ein Zusammenhang zwischen Katastrophen und dem Schaffen von Kunst? Wir haben Steffen Bruendel um seine Sicht gebeten.

"Wer überlebte, verarbeitete das Erlebte künstlerisch"

Gallipoli. Royal Naval Division verlässt die Gräben zu einem Bajonettangriff.

L.I.S.A.: Herr Dr. Bruendel, Sie haben ein neues Buch über den Ersten Weltkrieg geschrieben – „Jahre ohne Sommer“ –, in dem Sie sich wieder auf die Kultur- und Geistesgeschichte dieses Krieges konzentrieren. Im Buch „Zeitenwende 1914“ hatten Sie sich bereits mit Künstlern, Dichtern und Denkern im Ersten Weltkrieg auseinandergesetzt. Warum nun ein weiteres Buch über – im weitesten Sinne – Künstler im Ersten Weltkrieg? Was unterscheidet es vom vorherigen?  

Dr. Bruendel: Die „Zeitenwende 1914“ behandelt wichtige deutschsprachige Künstler, Dichter und Denker sowie die gesamte Kriegszeit, inklusive der letzten Vor- und der ersten Nachkriegsjahre, sowie Front und Heimatfront. Anhand zahlreicher Quellen, also Werken der bildenden Kunst und der Literatur, aber auch auf Basis sogenannter Kriegsschriften und Reden lege ich dar, inwiefern durch den Krieg und seinen Verlauf Entwicklungen im künstlerischen, gesellschaftlichen und politischen Bereich angestoßen wurden, die über die Kriegszeit hinaus nachwirkten. Ausgehend von zahlreichen Einzelschicksalen und Biografien spanne ich also einen großen Bogen.  

Verdun, 14. März 1916: Deutsche Infanteristen verlassen die Schützengräben, um die Höhe Toter Mann zu erstürmen.

Demgegenüber steht im Mittelpunkt meines neuen Buches das Kriegsjahr 1916. Es war das Jahr der großen und verlustreichen Schlachten. Gekämpft wurde vom Frühjahr 1915 bis Anfang 1916 um die türkische Halbinsel Gallipoli. Gerungen wurde von Februar bis Dezember 1916 um die französische Festungsstadt Verdun und von Juli bis November 1916 um den nordfranzösischen Fluss Somme. Am Skagerrak nördlich Dänemarks fand Ende Mai 1916 die größte Seeschlacht aller Zeiten statt. Millionen Tote auf allen Seiten waren am Jahresende zu beklagen, aber an der militärischen Situation hatte sich nichts geändert. In vielen Ländern prägen die Schlachten des Jahres 1916 das Gedenken an den Ersten Weltkrieg bis heute. Mit Blick auf die Einstellung zum Krieg an den Fronten und Heimatfronten war 1916 ein Wendejahr.  

Somme 1916. Christopher Williams - The Welsh at Mametz Wood. National Museum Wales. Retrieved on 15 December 2015, Gemeinfrei.

Das galt in besonderer Weise für viele Künstler und Dichter, die an diesen Schlachten teilgenommen hatten. Wer überlebte, verarbeitete das Erlebte künstlerisch oder beschrieb es in Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen. Große Namen der europäischen Kulturgeschichte sind mit den Schlachten von 1916 verbunden. So verstarb beispielsweise der britische Dichter Rupert Brooke vor Gallipoli und der deutsche Maler Franz Marc bei Verdun. Der deutsche Schriftsteller Arnold Zweig und sein französischer Kollege Henri Barbusse kämpften in der Schlacht um Verdun, während sich der britische Dichter Siegfried Sassoon und Ernst Jünger in den Schützengräben an der Somme gegenüberlagen. Als Offizieranwärter bei der kaiserlichen Marine ersehnte Joachim Ringelnatz die große Seeschlacht, während der britische Dichter Jeffery Day bei den Marinefliegern der Royal Navy seinen Dienst verrichtete. Und Gorch Fock, der an der Skagerrak-Schlacht teilnahm, fand dort den Tod.

Skagerrak 1916 - Von ohne Angabe, wahrscheinlich Deutsches Kriegs-Film- u. Bildamt - Der Weltkrieg 1914-1918 in seiner rauhen Wirklichkeit, München o. J. (um 1925), Gemeinfrei.

Den Künstlern und Dichtern gilt deshalb wieder mein Interesse, aber diesmal – im Unterschied zum letzten Buch – aus europäischer Perspektive. Konkret verfolge ich die Schicksale von insgesamt 15 ausgewählten Personen (sechs Briten, sechs Deutsche, ein Franzose und zwei Amerikaner), die alle an den Schlachten von 1916 teilnahmen oder von Ihnen auf die eine oder andere Weise unmittelbar betroffen waren. Selbstverständlich erfolgt auch hier die Einordnung in den größeren Zusammenhang – also auch dieses Buch beleuchtet mehrere Jahre –, aber der Dreh- und Angelpunkt aller Geschichten sind die Schlachten des Jahres 1916. Die Fokussierung auf die Künstler als Kämpfer im Kriegsjahr 1916 ist das Besondere dieses Buches.

"Regen, Schlamm und Kälte waren Dauerthemen"

Rupert Brooke, 1913

L.I.S.A.: Der Titel Ihres Buches, „Jahre ohne Sommer“, deutet darauf hin, dass das Jahr 1916 nicht nur militärisch, sondern auch aus anderen Gründen außergewöhnlich war. Können Sie dies näher erläutern?  

Dr. Bruendel: Das Jahr 1916 war nicht nur wegen der großen Schlachten außergewöhnlich, sondern auch aufgrund der klimatischen Rahmenbedingungen: Der Ausbruch des Vulkans Novarupta in Alaska im Jahre 1912 hatte die Atmosphäre verändert und beeinflusste in den Folgejahren das Klima in Mitteleuropa. 1916 wirkte sich dies am stärksten aus: Es war ein verregnetes Jahr und besonders kalt – eben ein Jahr ohne Sommer. Die Nässe und der Kälteeinbruch erschwerten die Kämpfe auf Gallipoli, vor Verdun, an der Somme und am Skagerrak erheblich.  

Der Plural im Titel verweist darauf, dass es in der neueren Geschichte klimatisch bedingt mehrere Jahre ohne Sommer gegeben hat. 1816 war beispielsweise das kälteste Jahr des 19. Jahrhunderts, ebenfalls ausgelöst durch einen Vulkanausbruch. Denn ein Jahr zuvor war der indonesische Vulkan Tambora ausgebrochen, was 1816 in Europa zu schwersten Unwettern führte. Diese trafen Gesellschaften, die von den Folgen der Kriege – der napoleonischen Eroberungsfeldzüge und der Befreiungskriege – gebeutelt waren.  

1916 tobte der Krieg noch, so dass Soldaten und Zivilisten unter dem Wetter und den Kriegsfolgen besonders stark litten. Die Menschen daheim wurden insofern hart getroffen, als das schlechte Wetter in Deutschland im Herbst 1916 zu einer Missernte führte, von der sich die deutsche Landwirtschaft bis Kriegsende nicht mehr erholen sollte. Hungersnöte und soziale Unruhen waren die Folge. In der damit verbundenen allgemeinen Unzufriedenheit liegt eine der tieferen Ursachen für die Revolution Ende 1918.  

Knapp 100 Jahre später, im Jahre 2010, führte die Eruption des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull immerhin zu starken Einschränkungen des Luftverkehrs auf der Nordhalbkugel. Da seit 2001 der sogenannte „Krieg gegen den Terror“ geführt wird, besteht auch hier eine Verbindung zwischen Wetter und Krieg. Selbst wenn die klimatischen Auswirkungen nicht so einschneidend waren wie gut 100 oder 200 Jahre zuvor, so ist dieser Zusammenhang doch bemerkenswert.  

Der Beziehung zwischen Klima und Krieg ist erst in jüngster Zeit in den Blickpunkt der Historiker geraten, wie verschiedene neue Untersuchungen zeigen. Die Auswirkungen des Wetters auf Kampfkraft und Durchhaltevermögen der Soldaten im Kriegsjahr 1916 wurden bisher nicht untersucht; dies ist eine weitere Besonderheit meines Buches. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen der von mir untersuchten Maler und Dichter haben mich auf dieses Phänomen aufmerksam gemacht: Regen, Schlamm und Kälte waren Dauerthemen, die auch künstlerisch verarbeitet wurden.  

"Gerade Künstler reflektieren und verarbeiten das weltpolitische Geschehen"

Franz Marc, 1910

L.I.S.A.: Sie stellen in „Jahre ohne Sommer“ einen Nexus zwischen Katastrophen und Kunst her. Inwiefern begünstigt eine Katastrophe, wie sie aus heutiger der Erste Weltkrieg ganz eindeutig war, das Schaffen von Kunst?  

Dr. Bruendel: Für mich ist dieser Nexus ein besonderes Faszinosum. Er lässt sich übrigens auch für 1816 und die heutige Zeit konstatieren. Das, wenn man so will, erste Jahr ohne Sommer verbrachten die englischen Schriftsteller Lord Byron, John William Polidori und Mary Shelley abgeschieden in den Schweizer Bergen und veranstalteten, um sich angesichts des schlechten Wetters die Zeit zu vertreiben, eine Art Schreibwettbewerb. Daraus entstanden Byrons berühmtes Gedicht „Finsternis“, Polidoris Kurzgeschichte über Vampire als erste Vampirgeschichte überhaupt sowie Shelleys „Frankenstein“. Alle drei Werke zählen heute zur Weltliteratur.  

Auch der sogenannte „Krieg gegen den Terror“ hat, jedenfalls in den USA, viele Schriftsteller beflügelt. Ob wir hier später von Weltliteratur sprechen werden, bleibt abzuwarten, aber ganz offenbar sind Intellektuelle in besonderer Weise von Katastrophen fasziniert. Gerade Schriftsteller und Künstler, die ihre Aufgabe politisch definieren – was in der zeitgenössischen Kunst ja eigentlich durchgängig der Fall ist – reflektieren und verarbeiten das weltpolitische Geschehen.  

Das trifft auch für die Künstler und Dichter des Ersten Weltkrieges zu. Die Wahrnehmung dieses zu Recht als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichneten Ereignisses wird beispielsweise in England ganz maßgeblich von den Gedichten der „War Poets“ bestimmt. Bei uns in Deutschland sind es insbesondere die kriegskritischen Bilder von Otto Dix, welche das – im wahrsten Sinne des Wortes – ‚Bild‘, das wir von diesem Krieg heute haben, prägen.

Viele Werke, die schon 1916 oder in den Folgejahren in Deutschland, Frankreich und England entstanden, gehören heute zum Bildungskanon der jeweiligen Länder und zählen zum universalen Kulturerbe. Im Unterschied zu 1816 und unserer heutigen Zeit haben die meisten der 1916 aktiven Künstler und Dichter den Krieg unmittelbar erlebt, sei es als Soldat oder in anderer Funktion. Jedenfalls trifft dies auf diejenigen Kulturschaffenden zu, die ich in meinem Buch behandele.  

Insofern ist bei ihnen jener Nexus zwischen Katastrophenerfahrung und künstlerischer Arbeit besonders deutlich zu erkennen. Allerdings sollte man hinsichtlich der kausalen Zuordnung differenzieren, weil jeder Künstler individuell anders auf das reagierte, was ihm in den Schützengräben widerfuhr. Einige brachen psychisch zusammen, andere hingegen kehrten selbst nach mehreren Verwundungen wieder an die Front beziehungsweise zu ihrer Einheit zurück. Als Künstler ist ihnen aber gemein, dass sie nach Ausdrucksmöglichkeiten suchten, um das unmittelbar Erlebte – das Trommelfeuer, das massenhafte Sterben, den Dauerregen in matschigen Schützengräben und Granattrichtern – zu verarbeiten und darzustellen.

"Die subtile Heroisierung des einfachen Frontsoldaten fasziniert mich"

Siegfried Sassoon, 1915

L.I.S.A.: Welche Sujets beschäftigten die Künstler während der Kämpfe und dann auch nach dem Krieg? Gibt es da ebenfalls eine Art „Zeitenwende“ in der Auswahl der Gegenstände bzw. in der Ausrichtung des Fokus?  

Dr. Bruendel: Bei den meisten Künstlern lässt sich 1916 tatsächlich eine Wende feststellen, nämlich in dem Maße, wie sie durch den Kriegseinsatz desillusioniert wurden und den Krieg bzw. die Politik der Regierung in ihrer jeweiligen Länder kritisch zu hinterfragen begannen. Bei Kriegsbeginn äußerten sie sich überwiegend patriotisch, wie man dies insbesondere an den Gedichten Rupert Brookes oder Siegfried Sassoons sehen kann. Da Brooke früh starb, wissen wir nicht, ob sich seine Einstellung geändert hätte, aber bei Siegfried Sassoon können wir das genau nachverfolgen. Seine Gedichte werden immer kritischer und illustrieren den Frontalltag immer schonungsloser. Beeinflusst von Sassoon, vervollkommnete Wilfred Owen – beide lernten sich 1917 im Lazarett kennen – seine dichterischen Fähigkeiten. Heute gilt seine Lyrik als die qualitativ beste der englischen „Kriegsdichter“. Insgesamt thematisierten die „War Poets“ zum Beispiel un- oder selbstgerechte Vorgesetzte, den Tod von Kameraden, die Floskeln der Regimentspfarrer, Gasangriffe und Artilleriebeschuss usw.  

Was mich besonders fasziniert an vielen Werken der von mir untersuchten Künstler, ist die subtile Heroisierung des einfachen Frontsoldaten. Eine Glorifizierung im herkömmlichen Sinne oder eine klassische ‚Heldenverehrung’ erfolgt nicht, aber in der dichten Beschreibung des Frontalltags im Roman „Das Feuer“ von Henri Barbusse und in Ernst Jüngers „Stahlgewittern“ ist das allen widrigen Rahmenbedingungen trotzende Durchhalten der Soldaten der rote Faden, der beide Werke durchzieht. Die Schilderungen des Schreckens und des Leidens sind realistisch, was zum großen Erfolg beider Bücher beitrug. Barbusses „Feuer“ wurde von der französischen Zensur nicht verboten, weil im dritten Kriegsjahr die Todeszahlen, die Verwundetentransporte und die Feldpostbriefe auch dem Naivsten längst klargemacht hatten, dass der Krieg grausam und unmenschlich war.  

„Das Feuer“ von Barbusse gilt heute als pazifistisch, während Jüngers „Stahlgewitter“ oft als kriegsverherrlichend angesehen werden. Liest man beide Texte parallel, erkennt man allerdings  große Ähnlichkeiten, so dass sich diese Bewertungen nicht von vornherein erschließen. Es handelt sich um retrospektive Deutungen vor dem Hintergrund der verschiedenen Entwicklung beider Schriftsteller nach Kriegsende. Während Barbusse nach Kriegsende in die französische kommunistische Partei sowie für den Frieden eintrat, schloss sich Jünger dem Kreis der so genannten „Konservativen Revolutionäre“ an und ästhetisierte den Kampf. Da die Rezeption eines Werkes immer von den jeweils aktuellen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflusst wird, sind die heute so verschiedenen Deutungen beider Werke nicht überraschend. Konzentriert man sich jedoch auf beide Texte und ihre Entstehungszeit, erscheinen sie frappierend  ähnlich. Die neuen, unglamourösen Helden sind jeweils die Frontsoldaten und -offiziere.  

Die literarische Ästhetisierung des Kriegsgeschehens, wie beispielsweise bei Ernst Jünger, korrespondiert mit der „schrecklichen Schönheit“ – so der Titel eines Buches über englische Kriegsmaler – der Gemälde von Paul Nash. Seine Sujets sind die baumlosen, mit Pfützen und Granattrichtern übersäten Frontlandschaften, denen man durch Nashs Farbgebung trotz aller Schrecken einen gewissen Reiz abgewinnen kann. Das ist ähnlich wie mit Wilhelm Lehmbrucks 1916 geschaffener Skulptur „Der Gestürzte“. Sie stellt einen sterbenden Krieger dar, aber ohne Brutalität oder Qual. Indem sie den Betrachter nachdenklich und traurig stimmt, aber zugleich einen schönen jungen Mann zeigt, vermittelt auch sie das uns heute paradox anmutende ‚Schrecklich-Schöne’ des Krieges.

"Sensible Künstlernaturen ließen sich von der patriotischen Aufwallung mitreißen"

Henri Barbusse

L.I.S.A.: Viele der damals als Soldaten kämpfenden Künstler gehören heute zum Bildungskanon unserer Gesellschaften – Franz Marc, Erich Maria Remarque oder auch Ernst Jünger in Deutschland, Henri Barbusse in Frankreich, Rupert Brooke, Siegfried Sassoon oder Wilfred Owen in England. Dabei gilt deren anfängliche Kriegsbegeisterung oft als Beleg für einen ins Nationalistische und Chauvinistische überdrehten Patriotismus. Woher kommt die Wertschätzung in der heutigen Rezeption?

Dr. Bruendel: Wir haben es hier – natürlich mit Abstufungen und Unterschieden – mit großen Werken der Literatur und der Kunst zu tun, auch wenn nicht alle heute gleichermaßen geschätzt werden. Gorch Fock war beispielsweise bis in der 1960er Jahre Schullektüre in Deutschland – heutigen Schülern aber ist er kaum noch ein Begriff. Wilfred Owens Lyrik wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg ‚entdeckt’, aber gilt heute als erstklassig. Der Komponist Benjamin Britten hat sie in seinem „War Requiem“ vertont, das 1962 in Coventry uraufgeführt wurde. Und dem früh gefallenen Dichter Charles Hamilton Sorley ist ein Theaterstück gewidmet, dessen Titel „It Is Easy to Be Dead“ einem seiner Gedichte entnommen wurde. Unlängst feierte es im Londoner Finborough-Theater Premiere – von der Kritik in den höchsten Tönen gelobt.  

Zudem ist es, denke ich, jener spezifische Widerspruch, der uns bis heute fasziniert, weil wir ihn trotz aller Erklärungen letztlich nicht nachvollziehen können: dass sich scharfsichtige Intellektuelle, international vernetzte Feingeister und sensible Künstlernaturen so mitreißen ließen von der patriotischen Aufwallung, die 1914 alle kriegführenden Länder erfasste. In Frankreich sprach man von der „Heiligen Einheit“ (Union sacrée) der Nation, in Deutschland vom „Burgfrieden“ und in Britannien vom „Closing of the Ranks“. In diesem Geist meldeten sich gerade Künstler zu den Fahnen oder unterstützten die Kriegspropaganda ihrer Länder, indem sie die eigene ‚Sache’ überhöhten oder den Feind diffamierten.  

Allerdings sollte man differenzieren, weil – wie ich in meinem Buch darlege – der Kriegseinsatz beispielsweise der britischen „War Poets“ propagandistisch ausgeschlachtet wurde, damit ihnen möglichst viele junge Männer nacheiferten. Bei näherer Betrachtung zeigt sich dann, dass die meisten von ihnen bei Kriegsbeginn 1914 zunächst unschlüssig waren, wie sie sich verhalten sollten. So zögerte ausgerechnet der ‚überpatriotische’ Rupert Brooke, während sich der eigentlich skeptische Siegried Sassoon umgehend meldete. Von einer allgemeinen Kriegsbegeisterung oder der sofortigen freiwilligen Meldung zur Front kann also selbst bei den „Kriegsdichtern“ nicht die Rede sein, wenngleich es das Phänomen gruppenspezifischer Euphorie natürlich gab.

Die gegenwärtige Wertschätzung der meisten Künstler korrespondiert schließlich mit der heute in Europa verbreiteten kritischen Einstellung zum Krieg. Dabei werden Jüngers „Stahlgewitter“ weniger goutiert, während man die kritischen Werke, die den Krieg in seiner Brutalität präsentieren, besonders schätzt. Diese werden folglich als pazifistisch gedeutet, selbst wenn sie es in ihrem Entstehungskontext nicht waren, wie beispielsweise Barbusses Roman „Das Feuer“. Das Ambivalente, jene heute so unverständliche „schreckliche Schönheit“ des Krieges, wird dabei oft außer acht gelassen. Im Sinne einer Friedenserziehung mag das gerechtfertigt sein, der Komplexität der damaligen Situation und der Wahrnehmung ihrer Protagonisten wird es nicht gerecht.

"Die psychische Verfassung der Dichter scheint mir wichtiger als ihr Alter"

Ernst Jünger, 1918

L.I.S.A.: Welche Rolle spielen bei der anfänglichen Begeisterung möglicherweise das juvenile Alter, in dem sich die meisten Künstler damals befanden, oder persönliche Umstände?  

Dr. Bruendel: Das Phänomen der Begeisterung betraf in allen Ländern vor allem die bildungsbürgerlich-intellektuellen Eliten. In Frankreich eilte beispielsweise Henri Barbusse bei Kriegsbeginn sofort zur Fahne und in Deutschland der erst 19-jährige Ernst Jünger. Da ersterer aber etwa doppelt so alt war wie letzterer, hilft das Erklärungsmuster des ‚jugendlichen Überschwangs’ nicht wirklich weiter. Auch Franz Marc war ja schon über dreißig, als er eingesetzt wurde und seiner Frau begeisterte Briefe von der Front schrieb. Die psychische Verfassung der Kriegsdichter und -künstler scheint mir wichtiger zu sein als ihr Alter. Barbusse und Marc wollten, jeder auf seine Weise, Vorbild sein und am Aufbau einer neuen Ordnung mitwirken, welche nach dem Krieg entstehen werde, wie sie glaubten.

Die Mannigfaltigkeit der Gründe, weshalb sich Künstler und Dichter 1914 zum Kriegseinsatz meldeten, ist meines Erachtens das Faszinierende. Für Jünger, der 1913 noch bei der französischen Fremdenlegion angeheuert hatte, war es nicht Nationalismus, sondern vor allem Abenteuerlust, die ihn antrieb. Der eigentlich linksintellektuelle Barbusse hingegen argumentierte – ganz auf der Linie der chauvinistischen französischen Propaganda – mit der angeblich zivilisatorischen Mission Frankreichs, die er zu unterstützen trachtete. Andere wie Edward Thomas oder Rupert Brooke erhofften, im und durch den Krieg künstlerische Schaffens- oder persönliche Identitätskrisen zu überwinden.  

Diejenigen, die einer gesellschaftlichen Minderheit angehörten wie der deutsche Schriftsteller Arnold Zweig als Jude oder Siegfried Sassoon als Homosexueller waren zunächst darauf bedacht, ihrem Vaterland besonders treu zu dienen und ‚ihren Mann zu stehen’. Wie sensibel sie auf Anfeindungen oder Ungerechtigkeiten reagierten, können wir ihren Briefen und Tagebuchaufzeichnungen entnehmen – und der scharfsichtigen literarischen Verarbeitung ihrer Kriegserfahrungen. Persönliche Ausgrenzungserlebnisse haben ihren kritischen Blick auf das politische Geschehen und die Kriegführung ihrer Regierungen ausgebildet und zu ihrer zunehmenden Missbilligung des Krieges beigetragen.

"Affirmative Kunst wird heute weniger geschätzt"

Wilfried Owen, 1920

L.I.S.A.: Wenn man davon ausgeht, dass Kunst frei von nationalen Grenzen ist und einen Ausweis von Weltläufigkeit bedeuten kann, wie verträgt sich dieser Anspruch mit den oft patriotisch-pathetischen und heroisierenden Darstellungen vom Krieg?  

Dr. Bruendel: Die verbreitete, von Ihnen genannte Annahme bezieht sich auf das Selbstverständnis vieler europäischer Künstler, eine transnationale Elite zu bilden, sowie auf die meist multinationalen Netzwerke, denen sie angehörten. Viele haben Anregungen ihrer Kollegen aus anderen Ländern aufgenommen und sich durch Aufenthalte in Berlin, München, Paris oder Rom inspirieren lassen. Gleichwohl verbanden die meisten das Gesehene mit eigenen Mal- oder Erzähltraditionen. Weltläufigkeit und nationale Prägung schlossen sich deshalb nicht aus, was ja bis heute gilt. Es gab aber in allen Ländern immer auch Bestrebungen, im Rahmen der nationalen Identitätsbildung das ‚Nationale’ der eigenen Kunst zu definieren.  

In Kriegszeiten steht ‚das Nationale’ naturgemäß im Vordergrund. Selbstbild und Feindbild werden scharf getrennt. Wenn Kulturschaffende sich hier einbringen, folgen sie dem Bestreben, als Künstler eine ideelle Führungsposition einzunehmen oder – das galt für die Vertreter der Avantgarde – zumindest eine größere Akzeptanz für sich und ihr Werk zu erreichen. Dann präsentieren auch weltoffene Geister häufig patriotisch-pathetische und heroisierende Darstellungen vom Krieg, wie dies 1914/15 in allen Ländern zu sehen war. Letztlich sind auch sie ‚Kinder ihrer Zeit’, d.h. nolens volens beeinflusst von den damals geltenden politischen Ansichten, veröffentlichten Informationen und verbreiteten Vorurteilen.  

Wirken Kulturschaffende an der Schärfung von Selbst- und Feindbild mit, verschwimmt leicht die Grenze zwischen Kunst und Propaganda. Dass die künstlerische Qualität hierunter leidet, gilt heute als ausgemacht, wäre meines Erachtens aber im Einzelfall zu prüfen. Dabei steht außer Frage, dass es zahllose Beispiele plattester Propagandalyrik durchaus angesehener Dichter gibt. Aber nicht jedes affirmative Gedicht ist schlecht. Nehmen Sie beispielsweise Siegfried Sassoons nach Kriegsbeginn verfasstes Gedicht „Absolution“. Ist es ‚Propaganda’ und von minderer Qualität als die kriegskritischen, die er später schrieb? Ich zögere mit solchen Werturteilen, auch wenn mir seine kritischen Verse besser gefallen. Die ‚politische’ Stoßrichtung eines Werkes sollte nicht der primäre Maßstab für Wertungen sein.  
Affirmative Kunst wird heute weniger geschätzt, weil wir – aus guten Gründen – den kritischen Intellektuellen zum Ideal erheben. Aber letztlich ist die literarische bzw. künstlerische Qualität eines Werkes das Entscheidende. Für die meisten Literaturwissenschaftler ist der erst spät, d.h. in den 1960er Jahren ‚entdeckte’ Wilfred Owen der beste der britischen „War Poets“. Seine von Sassoon beeinflusste (Anti)Kriegslyrik besticht durch ihre literarische Qualität und entspricht der heute zu Recht verbreiteten kritischen Haltung zum Krieg.

"Nach den Erfahrungen an der Somme die Waffen niederlegt"

L.I.S.A.: Welche Künstler faszinieren Sie besonders? Warum? Können Sie uns die ersten drei Ihrer Wahl begründen? 

Dr. Bruendel: Ich finde jeden auf seine Weise faszinierend. Aus der Perspektive deutscher Leser sind vielleicht die Lebenswege der englischen Kriegsdichter besonders spannend, vor allem die von Wilfred Owen und Siegfried Sassoon. Owens Desinteresse bei Kriegbeginn, seine späte Meldung zum Kriegsdienst und seine schnell sehr schonungslose lyrische Darstellung der Kriegsrealität sind bemerkenswert. Zudem sind seine Gedichte im Original und in den deutschen Übersetzungen so packend, dass man unmittelbar das Sinnlose, Groteske und Traurige des Krieges spürt. Dass Owen Ende 1918 kurz vor dem Waffenstillstand fällt, verleiht seiner Kriegserfahrung und -verarbeitung eine tragische Note.   

Siegfried Sassoon beeindruckt auch dadurch, dass er nach seinen Erfahrungen an der Somme die Waffen niederlegt und seinem Vorgesetzten in einem offenen Brief schreibt, dass er nicht mehr zu seiner Einheit zurückkehre, weil er die enthemmte Kriegführung der britischen Regierung ablehne. Das ist wirklich stark, denn immerhin riskiert er ein Kriegsgerichtsverfahren. Dazu kommt es dann aber nicht, weil das britische Armeeoberkommando keine öffentliche Debatte über den Krieg und seine Ziele wünschte, die ein Prozess gegen einen hochdekorierten Offizier und bekannten Dichter ausgelöst hätte. Sassoon wird deshalb wegen angeblicher psychischer Störungen in ein schottisches Militärsanatorium gesteckt und so der Öffentlichkeit entzogen. Dort lernt er 1917 Wilfred Owen kennen, dessen schriftstellerisches Talent er sofort erkennt und fördert.  

Als dritten möchte ich Arnold Zweig nennen. Auch er kämpfte vor Verdun und hat alle Schrecken, die er in seinem Roman „Erziehung vor Verdun“ verarbeitete, selbst erlebt. Wie bei Barbusse und Jünger verleiht dies seinem Werk eine besondere Authentizität. Allerdings wurde der Roman erst 1935 veröffentlicht, als sich Zweig als jüdischer Deutscher bereits im Exil befand. Wichtiger als sein Bildungsroman ist mir auch deshalb seine schon Ende 1916 veröffentlichte Erzählung „Judenzählung vor Verdun“, in der er den Antisemitismus im deutschen Heer anprangert und die psychologischen Auswirkungen jener fatalen Erfassung aller Kriegsdienst leistenden deutschen Juden schildert. Zweigs Erzählung ist ein Schüsseltext zum Verständnis der Identitätskrise, in die das deutsche Judentum in der zweiten Kriegshälfte geriet. Ich behandele diesen Text in meinem Buch deshalb ausführlich. Zudem gehe ich in einem Epilog auf das tragische Schicksal einiger deutschjüdischer Künstler ein, die ihrem Land im Ersten Weltkrieg treu gedient hatten, aber nach 1933 vertrieben oder ermordet wurden oder sich im Exil das Leben nahmen. 

Dr. Steffen Bruendel hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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