Registrieren
merken
Björn Schmidt | 07.04.2015 | 961 Aufrufe | Interviews

"Die Begründung einer neuen nationalen Einheit"

Interview mit Steffen Bruendel über Künstler, Dichter und Denker im Ersten Weltkrieg


Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahre 1914 wurde von den deutschen "Dichtern und Denkern" euphorisch begrüßt. Wie kam es zu dieser Kriegsbegeisterung und in welchem kulturellen und politischen Klima lassen sich die bildungsbürgerlichen "Vordenker" des Krieges einordnen? Der Historiker Dr. Steffen Bruendel beschäftigt sich in seinem jüngst erschienen Buch mit dem Verhältnis der geistigen und künsterlischen Elite zur militärischen Mobilmachung und Kriegspropaganda. Wir habe ihn zu diesem Thema befragt.

"Auf der Suche nach einem höheren Sinn"

L.I.S.A.: Herr Dr. Bruendel, Sie haben ein Buch zum Ersten Weltkrieg geschrieben, das den Titel „Zeitenwende 1914. Künstler, Dichter und Denker im Ersten Weltkrieg“ trägt. Wenn Sie sich heute aussuchen könnten je einen Wissenschaftler, einen Schriftsteller und einen Künstler der damaligen Zeit persönlich kennenzulernen, welche würden Sie aus welchen Gründen wählen? Wer fasziniert Sie besonders? 

Dr. Bruendel: Oh, das ist keine leichte Frage. Hugo Preuß, Max Weber, Georg Simmel, Ernst Troeltsch – all das sind außerordentlich faszinierende Vertreter der Wissenschaft, deren Werke auch heute noch zu Rate gezogen werden. Ich glaube, der Theologe Ernst Troeltsch wäre ein besonders interessanter Gesprächspartner, denn er gehörte zu den prominentesten akademischen Verfechtern der so genannten „Ideen von 1914“. Unter diesem Schlagwort wurde von bedeutenden Intellektuellen zusammengefasst, was die politische – und das hieß auch: die verfassungsrechtliche – Zukunft Deutschlands nach dem Krieg ausmachen sollte. In Abgrenzung sowohl von den westlichen Demokratien als auch von der russischen Autokratie suchte man nach einer eigenen, spezifisch „deutschen“ Staatsform. Diese erblickte man, kurz gesagt, in einem „Kriegs-“ oder „Staatssozialismus“, worunter man eine Art planwirtschaftliche Wirtschaftsordnung mit autoritären, aber auch partizipatorischen Elementen verstand.

Im Mai 1917 hat Troeltsch im Rahmen einer Vortragsreihe über die „deutsche Freiheit“ einen Vortrag über den „Ansturm der westlichen Demokratie“ gehalten. Er lehnte das politische System der kurz zuvor in den Krieg eingetretenen USA ab und lobte die Besonderheiten der politischen Entwicklung Deutschlands, insbesondere die Sozialgesetzgebung. Man darf das nicht vorschnell als Propaganda abtun. Viele Aspekte, die damals am amerikanischen Staats- und Gesellschaftsmodell kritisiert wurden, wie zum Beispiel die Parteienfinanzierung oder der politische Einfluss der Hochfinanz, werden ja heute auch noch beanstandet, wenn auch mit anderer Wortwahl. Staatstheoretisch sind eben nicht nur Demokratien legitim. Darüber würde ich also gerne mal mit Herrn Professor Troeltsch sprechen: über sein Demokratieverständnis, seinen Glauben an einen positiven deutschen „Sonderweg“ und augenzwinkernd auch über die Frage, wie er seine Rede heute, 100 Jahre später, halten würde.

Auch mit Blick auf die Schriftsteller fällt die Antwort nicht leicht. Ich würde vielleicht nicht unbedingt als Moderator im sogenannten Bruderkrieg zwischen Thomas und Heinrich Mann agieren wollen, könnte mich aber auch nicht zwischen Ihnen entscheiden. Also keiner von beiden. Ernst Jünger, diesem beängstigend faszinierenden Ästheten, könnte ich zahllose Fragen stellen, aber er wäre vielleicht gar keine so originelle Wahl. Ich entscheide mich deshalb für den heute weitgehend vergessenen Erich Mühsam. Dessen Gedichte habe ich bei der Arbeit an meinem Buch in einer Weise schätzen gelernt, wie ich es kaum geahnt hätte. Sein klarer Blick auf die innen- und außenpolitischen Entwicklungen im Krieg, sein Sarkasmus, der dem von Karl Kraus in nichts nachsteht… Mich würde sehr interessieren, was genau ihn zu seinen sprachlich wie inhaltlich beeindruckenden Gedichten inspirierte, die er zensurbedingt ja erst nach Kriegsende veröffentlichen konnte.

Nun zu den Künstlern. Viele der besten sind ja gefallen. Sehr viele hatten sich freiwillig gemeldet. Auch wenn ich mich als Historiker gerade mit diesem Phänomen befasst habe, kann die Frage, warum sie das taten, nicht vollständig beantwortet werden. Ich würde deshalb Käthe Kollwitz wählen, die 1914 ihrem jüngsten Sohn Peter dabei geholfen hatte, die schriftliche Einwilligung des Vaters zur freiwilligen Gestellung zu bekommen. Die Mutter verhilft ihrem Sohn dazu, Soldat zu werden! Und dann fällt dieser Sohn schon im Oktober 1914. Die ganzen Kriegsjahre hindurch ist sie auf der Suche nach einem höheren Sinn, den dieser Opfertod „irgendwie“ gehabt haben müsse… Dies ist aus unserer heutigen Perspektive kaum noch nachvollziehbar. Und gerade deshalb würde ich gerne mit Käthe Kollwitz einmal im Tiergarten spazieren, um mir von ihr erzählen zu lassen, was sie bewog, was sie fühlte und welchen Rat sie der heutigen Generation geben würde.

Letztendlich aber bin ich froh, nicht in die Versuchung des Gesprächs mit dem einen oder der anderen zu geraten. Und zwar nicht, weil ich – wie Marcel Reich-Ranicki es einmal mit Blick auf Thomas Mann getan hat – sagen würde, „ich glaube, ich wäre enttäuscht“, sondern weil das Spannende für den Historiker ja gerade in der Distanz zum Forschungsgegenstand liegt, und zwar zeitlich, räumlich und intellektuell.

"Der rasante Fortschritt hinterließ bei vielen auch ein mulmiges Gefühl"

L.I.S.A.: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass seit 1900 ein „Gefühl des Niedergangs von Zivilisation und Kultur das Denken vieler Menschen beherrschte“. Worin äußerte sich dieses Gefühl? Wer transportierte diese Wahrnehmung?

Dr. Bruendel: Es handelte sich damals ja paradoxerweise um zwei entgegengesetzte, aber doch komplementäre Gefühlslagen. Zum einen um das Gefühl eines „anything goes“. Damit ist der ungeheure, heute ebenfalls kaum verständliche Fortschrittsglaube gemeint. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass zahllose Neuerungen das Leben der Menschen bestimmten: der zunehmend motorisierte Verkehr, die ersten Luftschiffe und Flugzeuge, die Großstädte, die Angst einflößten, aber zugleich faszinierten – nicht umsonst waren sowohl die Stadt als auch die Natur beliebte Motive der künstlerischen Avantgarde. Zum anderen hinterließ der rasante Fortschritt bei vielen auch ein mulmiges Gefühl. Die Welt wurde immer unüberschaubarer, und die zunehmende Kommerzialisierung des Alltags korrelierte – so glaubte man – mit einem Verlust an Werten. Hinzu kam, dass darwinistische Theorien auf die Menschen und ihre Gesellschaften übertragen wurden und man glaubte, dass der „Kampf ums Dasein“ auch zwischen Staaten stattfinde und sich die stärkere, gesündere Nation durchsetze.

Das „Gefühl des Niedergangs von Zivilisation und Kultur“ äußerte sich in einer geradezu apokalyptischen Vorstellung, dass es einer Katastrophe, ja eines Krieges bedürfe, um die dekadente Gegenwart zu überwinden und zu einer gesamtgesellschaftlichen Erneuerung zu gelangen. Allerdings war dies ein primär bildungsbürgerliches Phänomen, das gerade die jüngere Generation betraf, die überhaupt keine Vorstellung davon hatte, was ein moderner Krieg tatsächlich bedeuten würde. Dass viele den Frieden als eine Art „bleierne Zeit“ empfanden, zeigt sich in vielen Werken des literarischen und künstlerischen Expressionismus sowie den Selbstzeugnissen ihrer Autoren. Gerade sie transportierten diesen Kulturpessimismus. 

"Militärische Mobilmachung ging einher mit gesamtgesellschaftlicher Mobilisierung"

L.I.S.A.: War dieses Gefühl des Niedergangs bzw. dieses ausgeprägte Krisenbewusstsein, dessen Charakteristikum Nervosität gewesen sei, mit 1914 verschwunden – Stichworte: Augusterlebnis, Kriegsbegeisterung und Mobilisierungseuphorie? Ist es das, was Sie mit „Zeitenwende“ andeuten?

Dr. Bruendel: In der Tat ist die Epoche des Wilhelminismus als „Zeitalter der Nervosität“ beschrieben worden, und das durchaus zu Recht. Mehr noch als eine Überreizung der Nerven auf individueller Ebene bezeichnet dieser Begriff auf kollektiver, mentalitätsgeschichtlicher Ebene recht treffend die Verbindung von Fortschrittsoptimismus und Kulturpessimismus, die Gleichzeitigkeit von – technischer – Geschwindigkeit und – politischer – Stagnation. Diese Spannung entlud sich tatsächlich bei Kriegsbeginn im August 1914.

Zahlreiche Studien, die das sogenannte Augusterlebnis den letzten Jahren untersucht haben, betonen die Gleichzeitigkeit ganz unterschiedlicher Stimmungslagen in der Julikrise 1914: den Manifestationen bürgerlich-bellizistischer Kreise standen Protestdemonstrationen der Arbeiter gegenüber, an denen sich übrigens weitaus mehr Menschen beteiligten. Es gab Panikreaktionen wie Geldabhebungen und Hamsterkäufe, aber zugleich urlaubte das Bildungsbürgertum weiter an Nord- und Ostsee in der Überzeugung, auch diesmal handele es sich nur um eine temporäre Krise. Erst die österreichisch-ungarische Kriegserklärung an Serbien am 28. Juli 1914 verdeutlichte schlagartig die unmittelbare Kriegsgefahr. Und nun, als der Krieg tatsächlich begann, löste sich die Anspannung der letzten Wochen. Und mit den Worten des Kaisers, er kenne „keine Parteien mehr“, sowie mit den ersten Siegen entstand dann tatsächlich so etwas wie eine Begeisterung, die über bürgerliche Schichten hinausreichte.

Eine „Zeitenwende“ lässt sich insofern konstatieren, als mit Blick auf den Kriegsbeginn tatsächlich etwas ganz Neues, Euphorisierendes geschah: die Zustimmung der Sozialdemokraten zu den Kriegskrediten. Es hatte im Vorfeld der Reichstagssitzung vom 4. August 1914 intensive Diskussionen innerhalb der SPD gegeben, wie man sich im Kriegsfalle verhalten solle. Als mit der russischen Mobilmachung am 31. Juli aber festzustehen schien, dass ein russischer Angriff unmittelbar bevorstünde, galt für die organisierte deutsche Arbeiterschaft – wie übrigens auch für die anderer Länder –, dass man das eigene Vaterland verteidigen werde.

Nicht ohne Grund stand Wilhelm II. im August 1914 im Zenit seines Ansehens. Dass der Kaiser, der die Sozialdemokraten vormals oft als „Reichsfeinde“ beschimpft hatte, Ihnen mit den Worten, fortan „nur Deutsche“ zu kennen, die Hand ausstreckte und die SPD – um im Bild zu bleiben – diese Hand mit ihrer Zustimmung zu den Kriegskrediten ergriff, galt den Zeitgenossen als Überwindung der Klassengesellschaft und Begründung einer neuen nationalen Einheit. Die militärische Mobilmachung ging also einher mit einer gesamtgesellschaftlichen Mobilisierung. Hierin erblickten schon Zeitgenossen eine Zeitenwende, dies löste die Euphorie aus.

"Die 'Abweichler' waren in der absoluten Minderheit"

L.I.S.A.: Wie erklären Sie sich, dass die intellektuellen Eliten in Wissenschaft, Literatur und bildender Kunst sich so sehr für den Krieg begeistern konnten? War deviantes Verhalten in der allgemeinen Begeisterung überhaupt möglich? Gab es Abweichler?

Dr. Bruendel: Gerade die Künstler, Dichter und Denker erblickten in der durch den Krieg ausgelösten gesamtgesellschaftlichen Mobilisierung die ersehnte Überwindung der Vorkriegszeit. Allerdings war die Begeisterung für den Krieg in den Vorkriegsjahren eher eine Metapher für die Sehnsucht nach Abenteuer, nach Erlebnis und Aufbruch. Mit Blick auf den Kriegsbeginn greift der lange Zeit verwendete Terminus „Kriegsbegeisterung“ eigentlich zu kurz. Der Begriff „Mobilisierungseuphorie“ drückt treffender aus, worauf sich die Begeisterung bezog: darauf, dass sich nach der äußeren Reichsgründung von 1871 nun in gewisser Weise die innere Reichsgründung vollziehen würde. Diese Vorstellung findet sich in vielen akademischen Kriegsschriften, und sie kommt auch in zahlreichen Gedichten vor. Der kaiserliche Ausspruch „Ich kenne keine Parteien mehr…“ wurde auf Postkarten vieltausendfach verbreitet. Die Fotografien jubelnder Menschenmengen, welche die Soldaten zu den Zügen oder Kasernen begleiteten haben ebenso wie autobiografische Berichte damaliger Kriegsfreiwilliger dazu beigetragen, das Bild einer kollektiven Begeisterung zu zeichnen.

Natürlich waren auch nach Kriegsbeginn nicht alle gleichermaßen euphorisiert, aber in der Stimmung, die in den Städten und insbesondere an den Bahnhöfen vorherrschte, war es nahezu unmöglich, sich abseits zu halten oder gar kritisch zu äußern. Die wenigen Intellektuellen, welche den Krieg ablehnten, wie zum Beispiel Heinrich Mann oder Erich Mühsam, schwiegen zunächst. Das mussten Sie auch, denn mit Kriegsbeginn galt die militärische Zensur, die durchaus auch von vorauseilender Selbstzensur begleitet wurde. So wurde die Vorab-Veröffentlichung von Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ im Sommer 1914 eingestellt, weil der Verlag es nicht für opportun hielt, bestimmte politisch-soziale Gegebenheiten in Deutschland in Kriegszeiten zu kritisieren. Wie geschlossen die Vertreter von Wissenschaft, Kunst und Kultur auftraten, zeigt der Aufruf „An die Kulturwelt!“, den 93 führende Geistesgrößen im Oktober 1914 veröffentlichten, um sich gegen die antideutsche Propaganda der Alliierten zu verwahren. Ein von Albert Einstein und wenigen anderen in völkerverbindender Absicht initiierter „Aufruf an die Europäer“ blieb dagegen mangels Unterzeichnern unveröffentlicht.

Es gab also tatsächlich ein paar ‚Abweichler‘, aber diese waren in der absoluten Minderheit und konnten sich kaum Gehör verschaffen. Erst 1915 mehrten sich kritische Stimmen, und seit 1916 gab es eine zunehmend polarisierte Diskussion über Kriegsziele, innenpolitische Reformen und die europäische Nachkriegsordnung. Ausdruck der politischen Polarisierung war zum einen die Spaltung der Sozialdemokraten im Frühjahr 1917 in die reformorientierten Mehrheitssozialisten und die radikalen Unabhängigen Sozialdemokraten und zum anderen die Gründung der rechtsnationalistischen Vaterlandspartei im Herbst desselben Jahres. Interessanterweise bezogen sich aber alle politischen Richtungen auf den als „Geist von 1914“ bezeichneten Augustenthusiasmus, der längst verklungen war und nun durch radikale ideologische Angebote erneuert werden sollten: die sozialistische Revolution oder die exklusiv-nationale Volksgemeinschaft.

"Ein differenziertes Bild vom Juli und August 1914"

L.I.S.A.: Inwieweit ist es gerechtfertigt im Sommer 1914 von „nationaler Geschlossenheit“ zu sprechen? Oder ist dieses Bild der „nationalen Geschlossenheit“ Teil eines Mythos, am dem bereits früh gestrickt worden ist?

Dr. Bruendel: Es ist heute unbestritten, dass es einen Augustenthusiasmus gab. Ebenso unbestritten ist aber, dass er nicht alle gesellschaftlichen Kreise gleichermaßen und zur gleichen Zeit erfasst hat. Die Forschungen der letzten zwei Jahrzehnte haben ein sehr differenziertes Bild vom Juli und August 1914 gezeichnet. Dem Historiker Jeffrey Verhey folgend, kann man von mehreren, teils ähnlichen, teils verschiedenen, teils parallelen, teils aufeinanderfolgenden „August-Erlebnissen“ sprechen. Die Wochen vor und nach Kriegsbeginn wurden insgesamt als Ausnahmesituation erlebt, aber unterschiedlich gedeutet. In der Erinnerung wurden diese Unterschiede dann zunehmend eingeebnet beziehungsweise verblassten.

Wie schon gesagt, symbolisierte die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten in der Tat eine nationale Geschlossenheit – zumindest auf politischer Ebene. Man sprach hier bezeichnenderweise ja auch vom „Burgfrieden“, worunter man eine Art inneren Waffenstillstand für die Dauer des Krieges und die gemeinsame Verteidigung verstand. Gleichzeitig ist aber jene Geschlossenheit auch ein Mythos, an dem schon in den ersten Kriegsmonaten in zahlreichen Reden, Artikeln und Aufsätzen und erst recht in der Nachkriegszeit „gestrickt“ wurde. Die Tatsache, dass der Burgfrieden schon nach zwei Jahren zerbrochen war und die alten Konflikte wieder aufbrachen, führte aber nicht dazu, dass der Burgfrieden in der Wahrnehmung der Zeitgenossen als Konstrukt entlarvt wurde, sondern im Gegenteil dazu, ihn als permanente Vergleichsfolie noch stärker zu betonen.  

"Vorwürfe der Alliierten wurden pauschal zurückgewiesen"

L.I.S.A.: Sie kommen in Ihrem Buch ausführlich auf die Propaganda zu Beginn des Ersten Weltkriegs zu sprechen. Dabei erscheinen die Deutschen auch als Opfer einer cleveren Propaganda, insbesondere der der Briten – so zeige sich für deutsche Propaganda eine „typische Verbindung von gutem Gewissen und Naivität“. Kann eine Propaganda funktionieren, ohne sich auch auf Tatsachen berufen zu können – Stichwort: Belgien?

Dr. Bruendel: Die effektivste Propaganda ist sicherlich – das gilt damals wie heute – die, die eben nicht nur auf Erfindungen, sondern auf einer Vermischung von Wahrheit und Lüge beruht oder aber mehrere ‚Wahrheiten‘ fabriziert. Für den Ersten Weltkrieg können wir konstatieren, dass die Gräuelpropaganda der Franzosen schon unmittelbar mit Kriegsbeginn einsetzte, also noch bevor tatsächliche Gewaltexzesse oder Normüberschreitungen überhaupt bekannt wurden. Insgesamt folgte die westliche Propaganda Mustern, die bereits in früheren Konflikten oder Kriegen – beispielsweise dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 oder den englischen Kolonialkriegen – erfolgreich angewandt worden waren. Dies war insbesondere die Dämonisierung und Entmenschlichung des Feindes, dem man alle möglichen Gräuel unterstellte. Berüchtigt ist beispielsweise die Legende der abgehackten Kinderhände, also die offensiv propagierte Unterstellung, deutsche Soldaten verstümmelten belgische Kinder. Tatsächlich war das Abhacken von Händen aber eine Strafmaßnahme, die belgische Soldaten und Verwaltungsbeamte im Kongo vielfach angewandt hatten. Nun wurden belgische Kolonialgräuel zum Sinnbild belgischer Opferidentität umgedeutet.

Damit konnten die deutschen nicht mithalten, aber sie wollten es auch gar nicht. Zum einen unterschätzten sie die Wirkung von Propaganda viel zu lange und zum andern hielten sie an dem soldatischen Ethos fest, der die sogenannte „Verächtlichmachung des Feindes“ verbat. Ihr Ethos hinderte sie aber nicht daran, zu brutalen Repressalien zu greifen und bei ihrem Vormarsch Hunderte tatsächliche oder vermeintliche Freischärler zu exekutieren. Damit greife ich Ihr Stichwort „Belgien“ auf, denn an der Westfront kam es in der Tat zu Gewaltexzessen beim Vormarsch der deutschen Soldaten in den ersten Kriegsmonaten. Dies sind die – in Ihrer Frage angesprochenen – Tatsachen, die von der alliierten Propaganda aufgegriffen und entsprechend verarbeitet wurden. Sich zum Opfer einer perfiden britischen Propaganda zu stilisieren, wurde nach dem Krieg zu einem beliebten, die fatale „Dolchstoß“-Legende ergänzenden Topos in Deutschland.

Gleichwohl waren die Deutschen schon im Krieg zutiefst empört über die alliierte Propaganda. Anstatt aber die Vorwürfe zu untersuchen, wurden sie pauschal zurückgewiesen – insbesondere in jenem schon erwähnten Aufruf der 93 Kulturschaffenden und Gelehrten. Die den deutschen Intellektuellen attestierte „typische Verbindung von gutem Gewissen und Naivität“ – übrigens ein Zitat der Brüder von Ungern-Sternberg – zeigte sich darin, deutsche Kriegsgräuel für unvorstellbar zu halten und zugleich zu glauben, allein ihre Aussage würde die Alliierten entsprechend überzeugen. Das Gegenteil war der Fall. In den Augen ihrer britischen, französischen und belgischen Kollegen hatten sich die deutschen Geistesgrößen durch ihren Aufruf kompromittiert.

Man muss in diesem Zusammenhang noch auf zweierlei hinweisen: Zum einen auf die auch technisch begrenzten Möglichkeiten der deutschen Auslandspropaganda, da Britannien nach Kriegsbeginn das deutsche Überseekabel kappte und das Reich auf diese Weise sowie mit Hilfe der Seeblockade von direkter Kommunikation abschnitt. Zum anderen ist darauf hinzuweisen, dass der derjenige, der in ein Land einmarschiert, naturgemäß einen propagandistischen Standortnachteil hat. Insofern konnte die deutsche Propaganda die „Russengräuel“ nur solange ausschlachten, wie Teile Ostpreußens besetzt waren. Demgegenüber standen deutsche Truppen bis 1918 tief in belgischem und französischem Gebiet, wo auch die schweren Kämpfe stattfanden und es allein schon deshalb zu Verwüstungen kam. Über das Ausmaß deutscher Normübertretungen besteht bis heute noch keine Einigkeit. Die wichtigen Studien der britischen Historiker John Horne und Alan Kramer, die den deutschen Soldaten eine Art „Freischärler-Paranoia“ attestierten und erhebliche Normüberschreitungen feststellten, wurden von einigen deutschen Historikern nachvollziehbar kritisiert, und zwar hinsichtlich Quellenlage und -interpretation.

Schließlich ist festzustellen, dass die von österreichischen Truppen auf dem Balkan und die von russischen Soldaten an der Ostfront verübten Gräuel in den letzten Jahren zwar stärker erforscht wurden, aber systematische Untersuchungen der westalliierten Gewaltexzesse bis heute fehlen. Eine deutliche Änderung bzw. ‚negative Professionalisierung’ der deutschen Bildpropaganda lässt sich interessanterweise für die Nachkriegszeit konstatieren, und zwar sowohl hinsichtlich des innenpolitischen Gegners, der nun regelrecht dämonisiert wurde, als auch bezüglich der „Nachkriegspropaganda“, zu deren Topoi die „schwarze Schmach“, also der Einsatz französischer Kolonialtruppen, sowie angebliche Gräuel im von Frankreich besetzten Rheinland gehörten. Die propagandistische Darstellung tatsächlicher oder erfundener Vorfälle ähnelt in Motivik und Drastik stark den Motiven der alliierten Kriegspropaganda.

"Deutsche Intellektuelle waren mit den Mechanismen der Propaganda nicht vertraut"

L.I.S.A.: Die Propaganda der Alliierten provozierte im Herbst 1914 eine Gruppe von 93 Schriftstellern, Wissenschaftlern und Künstlern ein Manifest „An die Kulturwelt“ zu verfassen und zu veröffentlichen. Sie bezeichnen diesen Aufruf an die Weltöffentlichkeit als ein Eigentor. Warum? Was sagt uns der Bumerang-Effekt über die Wahrnehmungswelt der deutschen Intellektuellen?

Dr. Bruendel: Dieses Eigentor lässt sich besonders gut an einem Argument der Unterzeichner veranschaulichen, mit dem sie die Kultiviertheit der deutschen Soldaten betonen und Gräuelvorwürfe grundsätzlich ad absurdum führen wollten. Sie schrieben, der so genannte deutsche Militarismus sei zur Verteidigung der deutschen Kultur „aus ihr hervorgegangen“. Dieses Argument wurde von der alliierten Propaganda sofort aufgegriffen und dergestalt gegen die Deutschen verwendet, dass fortan die gesamte deutsche Kultur als militaristisch und inhuman dargestellt wurde. Seit Herbst 1914 gehörte das negativ konnotierte deutsche Wort „Kultur“ zum polemischen Standardrepertoire der Alliierten, meist in Verbindung mit bildlichen Darstellungen angeblicher deutscher Gräueltaten sowie erfundener oder tatsächlicher Verwüstungen.

Es gibt zahlreiche weitere Beispiele für propagandistische Eigentore, etwa die ebenfalls im Buch erwähnte „Lusitania-Medaille“ des bayerischen Medailleurs Kurt Goetz. Sie wurde von den Briten nachgeprägt, mit antideutscher „Story“ versehen und verteilt. Die negative Wirkung war offenbar so nachhaltig, dass sich die bayerische Regierung die Produktion der Medaille Anfang 1918 verbat. All die Bumerang-Effekte illustrieren, dass deutsche Intellektuelle und Künstler mit den Mechanismen und den Effekten einer modernen Kriegspropaganda nicht vertraut waren. Ihre Wahrnehmungswelt war – wie übrigens auch die der offiziellen deutschen Propaganda – selbstreferentiell. So gab es zahlreiche Plakate, mit denen man sich – im Inland! – gegen den alliierten „Barbaren“-Vorwurf verwahrte...

"Die 'Ideen von 1914' sind der Gegenbegriff zu den französischen 'Ideen von 1789' gewesen"

L.I.S.A.: Im vierten Kapitel setzen Sie sich mit den Überlegungen einer Reihe namhafter Wissenschaftler über ein zukünftig verfasstes Deutschland auseinander. Welche Rolle spielten die sogenannten „Ideen von 1914“ für die Gestaltung eines neuen Deutschlands? Wovon setzte man sich dabei ab? Und welche Rolle spielt darin die Kategorie „Volk“?

Dr. Bruendel: Die „Ideen von 1914“ sind – wie auch der „Geist von 1914“ – ein zeitgenössischer Begriff. Letzterer bezeichnete den Geist nationaler Einheit, der in der Zustimmung der Sozialdemokraten zu den zu Kriegskrediten symbolisiert wurde, und Erstere bezeichneten gewissermaßen die politischen Ableitungen aus dem Geist von 1914: die Perpetuierung der nationalen Einheit durch bestimmte verfassungspolitische Reformen. Gemeint war damit zumeist keine Parlamentarisierung des Reiches, denn darin erblickte man eine Anpassung an westliche Staatsordnungen. Insofern waren die „Ideen von 1914“ auch der Gegenbegriff zu den französischen „Ideen von 1789“. Man erstrebte die Umbildung der politischen Institutionen des Reichs im Sinne einer sogenannten „deutschen Staatsauffassung“, in deren Zentrum das Ethos des Dienens und das Schlagwort der Organisation standen.

Dem westlichen Konkurrenzkapitalismus wollte man einen deutschen „Sozialismus“ entgegenstellen. Dies forderten nicht nur linksliberale oder sozialdemokratisch gesonnene Intellektuelle, sondern durchaus auch konservative. Sie verstanden unter Sozialismus allerdings nicht die Enteignung der Produktionsmittel, sondern eine neue Organisation der Produktivkräfte. Die wichtigsten institutionellen Neuerungen, die den „Ideen von 1914“ entsprachen, waren die im November 1916 unter der Bezeichnung Kriegsamt gegründete kriegswirtschaftliche Zentralbehörde sowie das im Dezember 1916 erlassene „Vaterländische Hilfsdienstgesetz“, welches als Ausgleich für die eingeführte allgemeine Dienstpflicht die innerbetrieblichen Mitbestimmung festlegte und somit de facto die Tarifautonomie begründete.

Zwei wichtige Begriffe, die im Zuge der ideenpolitischen Verfassungsdiskussion Verbreitung fanden, waren die „Volksgemeinschaft“ und der „Volksstaat“. Erstere symbolisierte eine kommunitaristische Staatsvorstellung, die sich bereits im 19. Jahrhundert in der Auseinandersetzung um „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ herausgebildet hatte. Kommunitär bedeutete, dass das Volk zwar mitbestimmen solle, aber die Regierung aus Experten zusammengesetzt sein und quasi „über den Parteien“ stehen müsse. Demgegenüber verkörperte der „Volksstaat“, den Hugo Preuß – später der „Vater“ der Weimarer Reichsverfassung – in die Debatte einbrachte, den Gedanken der Volkssouveränität und damit de facto die parlamentarische Regierung, also die politische Selbstbestimmung des Volkes.

Interessant ist an der Konjunktur diverser Volks-Semantiken, dass das monarchische Element in den Hintergrund trat. Das entsprach der realen Entwicklung, da der Kaiser im Laufe des Krieges tatsächlich von der Bildfläche verschwand: Seit 1916 stellte ihn Generalfeldmarschall von Hindenburg, der „Held von Tannenberg“ und Chef der Obersten Heeresleitung, im wahrsten Wortsinne „in den Schatten“. Zunehmend verkörperte er die verbreitete Sehnsucht nach starker Führung und begründete, wie Wolfram Pyta detailliert dargelegt hat, eine quasi-charismatische Herrschaft. Zwar wurde die Monarchie bis Kriegsende nicht in Frage gestellt, aber ihre Integrations- und Legitimationskraft schwand.

Die verschiedenen Volkstopoi symbolisierten eine zunehmende Sehnsucht nach neuen Vergemeinschaftungsformen. Das „Volk“ stellte hierbei eine staatsformunabhängige anthropologische Grundkonstante dar. Indem Integration angestrebt wurde, entwickelte sich zugleich ein Verlangen nach Homogenität, so dass die „Volksgemeinschaft“ in der zweiten Kriegshälfte zunehmend exklusiv definiert wurde und religiöse, konfessionelle sowie ethnische Minderheiten ausschloss. Erst nach Kriegsende sollte sie allerdings von der politischen Rechten vereinnahmt und später zu einem Zentralbegriff der Nationalsozialisten werden.  

Dr. Steffen Bruendel hat die Fragen der L.I.S.A. Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

QYF9KU