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Georgios Chatzoudis | 18.11.2014 | 1233 Aufrufe | 1 | Artikel

18 Nov 1914. Mittwoch. Gnászyn.

Tagebucheintrag Harry Graf Kessler

Heute früh der erste Schnee; aber bei Tauwetter, er blieb nicht liegen. Nach Czenstochau hinein, wo erzählt wird, dass die Russen unsere Stellungen vorige Nacht an acht Punkten angegriffen hätten und an einer durchgebrochen wären; sie haben sich aber dann zurückgezogen. Ein Verwundeter von den 37ern, der aus unseren Schützengräben zwischen Mstów und Olstyn kam, sagte, die Russen seien vorige Nacht, nachdem sie uns angegriffen hätten, abgezogen; sie seien jetzt fort; er habe selbst auf einer Patrouille dieses festgestellt. Trotzdem war den ganzen Tag heute nordöstl. und südöstl von Czenstochau anhaltender Geschützdonner zu hören. Als wir zurück fuhren, fuhren grosse Bagagezüge wieder von Schlesien nach Czenstochau hinein.   An Musch Richter geschrieben: „Mit Deinen politischen Ansichten bin ich nur teilweise einverstanden. Polen so ohne Weiteres den Russen zu lassen ist ja undenkbar! Für Jeden, der diesen Feldzug in Polen mitgemacht, Land und Leute und die Verwundbarkeit unserer jetzigen Grenze gesehen hat, ganz undenkbar. Das absolute Minimum, das wir nehmen könnten, wäre die Warthe Linie, die bei Czenstochau u. südlich eine ziemlich starke Defensivstellung bietet, nördlich von Czenstochau allerdings nur einen ganz geringen, ja fast nur illusorischen Schutz. Sie wäre daher ein allenfalls annehmbares „pis aller“, aber keineswegs ideal. Viel besser, weil ein ernsthaftes Hindernis bietend, wäre die Weichsel. Indessen würde dadurch, wenn man sich streng an die Weichsel halten wollte, die Stadt Warschau in zwei geschnitten, was natürlich unmöglich ist. Man kommt so aus rein strategischen Erwägungen zu einer Linie, die möglichst günstig jenseits der Weichsel zu ziehen wäre, und die dann nördlich, etwa von Grodno an, dem Njemen folgen müsste. Mit andren Worten man kommt, wenn man nur strategische Gesichtspunkte ins Auge fasst, zu einer Annexion des ganzen ehemaligen Königreichs Polen, dessen Grenzen nach Osten in der Tat natürliche und befriedigende waren. Man würde also die Linie jenseits der Weichsel etwa den Bug entlang laufen lassen und von Brest-Litowsk in grader Linie auf Grodno am Njemen hinführen. Ich sage aus rein strategischen Erwägungen. Politisch tauchen allerdings sehr augenscheinliche Bedenken auf; vor Allem natürlich die Menge Polen und die kaum geringere gänzlich unkultivierter armer Juden, die man damit ins Reich hereinnähme. Wir können aber Alles für uns strategisch Wichtige meines Erachtens auch ohne eine völlige Annexion erreichen. Was wir brauchen, ist ja nur die absolute strategische Beherrschung und Sicherung dieses Gebietes zum Schutz des eigentlichen Deutschlands gegen Russland; und nur so weit, wie die strategische Beherrschung sie nötig macht, auch die politische. Wir müssen also die nötigen festen Punkte (Festungen und wichtige Terrain Abschnitte) militärisch in Besitz haben, ferner Etappenstrassen und alle Eisenbahnen, mit dem Recht, diese zu benutzen und auszubauen, wie es uns passt. Mit andren Worten, wir müssen in diesem Gebiet das unbedingte Recht haben, Festungen und Etappenstrassen zu halten und anzulegen, wo es uns beliebt, im Lande so viel Militär in Garnison zu legen, wie wir für nötig halten, und ein absolutes Eisenbahnbau und Betriebs Monopol haben. Um dieses militärische Gerüst herum können (und sollten wir) den Polen jede Freiheit, auch politisch, gönnen, die sie für wünschenswert halten: eigene Regierung, eigenes Parlament, eigene Finanzen (meinetwegen auch eigener König, obwohl mir eine Personalunion mit dem deutschen Kaisertron lieber wäre) vielleicht sogar ein eigenes Zollgebiet, und natürlich polnische Landessprache (Deutsch nur subsidiär, was sich übrigens von selbst ergiebt, da Deutsch die Sprache der Juden ist), vor Allem vollkommene kirchliche Freiheit. Wir müssten ihnen versprechen, Polen nicht germanisieren oder kolonisieren zu wollen, dafür allerdings bindende Zusagen erhalten, dass sie ihrerseits ihre Kolonisations und Polonisierungs Bestrebungen in Posen, Westpreussen und Oberschlesien aufgeben. Wenn wir es verstehen, die katholische Kirche für uns zu gewinnen, und im Übrigen die Leutchen unter sich lassen, so sollte die Aufgabe, ein befriedigendes Verhältnis herzustellen, nicht allzuschwer sein. Am besten staatsrechtlich in der Form einer Personal Union, wobei der Deutsche Kaiser gleichzeitig König von Polen wäre; eventuell könnte er einen katholischen Prinzen jeweils auf Lebenszeit zum König von Polen mit genau eingeschränkten Machtbefugnissen (wie die der Bundesfürsten) ernennen. Ich würde den Polen natürlich wenigstens zunächst keine Vertretung im Reichstag geben, dafür aber auch keine finanziellen oder militärischen Opfer für das Reich auferlegen. Sie könnten, wenn sie wollten, ihre eigene Miliz haben; das wäre aber ihre Sache. Post, Telegraph und Strassenbau wären wie die Eisenbahnen Reichsmonopol. Polen würde unter solchen Verhältnissen rasch zu grosser Blüte gelangen (es ist zum Teil reich, nur unsagbar verwahrlost) und für uns, abgesehen von seinem strategischen Wert, mit oder ohne Zollschranke, einen kaufkräftigen von uns aus vollkommen zu beherrschenden Markt abgeben. Nebenbei würden wir auf diesem Wege auch Aussicht haben, unsere eigene Polenfrage zu lösen, indem die Polen uns, als Entgelt für die Wiederherstellung ihres nationalen Staates und für das Versprechen, auf Germanisierungsversuche in seinen Grenzen zu verzichten, Posen, Westpreussen und Oberschlesien zur Kolonisierung ausschliesslich durch Deutsche überlassen müssten. Diese Gedanken kommen mir, weil wir jetzt wieder vorgehen und nach dem glänzenden Anfang bei Krosnewice wohl langsam wieder das ganze Land bis zur Weichsel besetzen werden. Vorläufig tobt die Schlacht noch vor Czenstochau, und das heftige Bummern der Geschütze klingt in das Kratzen meiner Feder hinein. Es ist aber nur ein Rückzugsgefecht, die Russen ziehen ab und suchen zu retten, was zu retten ist. Einige Tage standen wir hier ganz allein acht russischen Corps gegenüber (im Ganzen waren es 22, die vormarschierten; vier sind inzwischen bei Krosnewice vernichtet worden, zwei hoffen wir noch hier abzufangen) die Sache wäre bei unseren dünnen Linien bedenklich geworden, wenn die Russen angegriffen hätten. Das taten sie aber nicht, oder richtiger erst gestern, als wir uns schon so eingerichtet hatten, dass sie sich nur noch blutige Köpfe holen konnten.“   In Czenstochau den Unteroffizier getroffen, der meine Anzeige wegen der Plünderung in Klomnice zu Protokoll genommen hat. Er sagte, der betreffende Oberleutnant läugne eigentlich garnicht, die Sachen genommen zu haben. Eine Verurteilung sei so gut wie sicher; wahrscheinlich zu Zuchthaus.

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Kommentar

von Berger, Christian | 24.11.2014 | 23:43 Uhr
War dieser 18. November ein Schicksalstag des Krieges,
weil der deutsche Generalstabschef von Falkenhayn an
diesem Tag dem Kanzler offenbarte, dass der einsetzende
Stellungskrieg an zwei Fronten nicht zu gewinnen sei?
Falkenhayn fordert einen Separatfrieden. Ein denkwürdiger,
kaum beachteter Tag? In diesem Beitrag wird das erzählt:
Y
http://www.fr-online.de/der-erste-weltkrieg/erster-weltkrieg-er-konnte-nur-krieg,1477454,29067136.html

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