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Georgios Chatzoudis | 18.10.2014 | 642 Aufrufe | Artikel

18. October 1914. Sonntag. Soltyków

Tagebucheintrag Harry Graf Kessler

Vormittags nach Radom. Gottesdienst in der schönen spätgothischen katholischen Kirche (die russisch-orthodoxe ist geschlossen). Inbrunst der Gemeinde, die knieend die Kirche füllt; viele Bäuerinnen in weissen Kopftüchern, auch junge Männer, Kinder Alles dichtgedrängt und mit gleichem Eifer singend; sie legen ihre ganze Seele hinein. Dieses Volk lebt nur in seinem Glauben, Alles Übrige verschwindet daneben. In heftigem Kontrast dagegen und doch auch wieder in ihrem Glauben eingeschlossen und abgesondert die fast ebenso zahlreichen Juden, die feilschend, schleichend, Jedem ihre Dienste anbietend die Strassen füllen, wie ein schwarzer und ein weisser Faden durcheinandergesponnen, nie miteinander verschmelzend, scharf gesondert und doch in dieser einzigen Konzentration um einen Glauben einander gewissermassen ähnlich, bilden diese beiden Elemente Polen. – Im Offizierskasino zu Mittag gegessen. Hindenburg vorgestellt. Einige gleichgültige Worte mit ihm gewechselt über Helene Nostitz u. s. w., aus denen irgendein bestimmter Eindruck von seiner Persönlichkeit nicht hervorgieng. Er ist ein grosser, vierschrötiger, schwerer Mann, mit einem viereckigen fast bäuerlichen Gesicht. Ludendorf hielt sich, weniger schwer, aber vielleicht härter und geistiger, auch selbstgefälliger, neben ihm. Beide stehen in der Mitte zwischen dem Typus des preussischen Offiziers und des grossen Geschäftsmanns, Ludendorf diesem Hindenburg jenem näher. – Abends wieder im Casino gegessen. Hindenburg hielt eine Rede zum Gedächtnis der Schlacht bei Leipzig. Sie war fest und klar, erhob sich aber nicht über den Durchschnitt solcher Casinoreden. – Man flüstert sich unter den A.O.K. Leuten zu, dass wir die Weichsel Linie wahrscheinlich aufgeben müssen. Die Russen sammeln eine grosse Übermacht (angeblich zehn Corps) bei Warschau, denen wir zur Deckung unserer linken Flanke nur das XX und XVII Corps und das Corps Frommelt entgegenzusetzen haben. Gestern ist bereits eine russische Cavalleriedivision durch unsere linke Flanke durchgebrochen, allerdings dann wieder zurückgegangen. Mit Hutten-Czapski Bockelberg (Ib), Kiepert, dem Prinzen Joachim, dem Herzog Ernst v Meiningen gesprochen. Hutten meinte, dass wir wohl in drei Tagen nicht mehr in Radom sein würden. Die Schuld tragen die Österreicher, die mit ihren Truppen nicht herankommen. Man beklagt im AO.K. sehr ihre „schlabbrige“ Kriegführung. Hindenburg soll ihnen schon vor acht Tagen gedroht haben, dass er bis an die Grenze zurückgehen werde, wenn sie nicht schneller herankämen. Die Drohung hat aber Nichts genützt; sie marschieren nach wie vor „gemütlich“; und die Truppenteile, die ankommen, haben unterwegs die Hälfte ihrer Leute als Marodeure verloren. Hindenburg wird wahrscheinlich zurückgehen in eine starke und zu verstärkende rückwärtige Stellung und dort die Russen gegen uns anrennen lassen, bis wir Verstärkung aus dem Westen bekommen können. Er wird Nichts unnötig aufs Spiel setzen. Seine Kriegsführung ist vorsichtig, geschäftsmässig, aber wo die Gelegenheit sich bietet, rasch entschlossen kühn. Dieses Zupacken, das wir bei den Österreichern vermissen, ist ihm in hohem Grade eigen. Trotzdem ist dieser Rückzug für mich und Viele schmerzlich, besonders da er bei weniger schlapper Haltung der Österreicher zu vermeiden war. – Für heute soll nach einer dem A.O.K. zugegangenen amtlichen Telephonmeldung die Entscheidung in Frankreich bevorstehen.

Harry Graf Kessler

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