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Georgios Chatzoudis | 17.09.2014 | 737 Aufrufe | Artikel

17 Sept. 1914. Donnerstag Adlig Paddeim b. Labiau

Tagebucheintrag Harry Graf Kessler

Von Kgl Damerau nach Adlig Paddeim marschiert und dort auf dem Gut einquartiert. Dreiviertel der Wirtschaftsgebäude sind niedergebrannt; das Schloss ist beschossen worden. Eine Granate ist ins herrschaftliche Schlafzimmer eingeschlagen; die Decke hängt halb herunter, die Wände haben grosse Risse und stehen schief; die Möbel, Bett, Stühle, Waschtisch, sind in Stücke gerissen, ihre Fragmente liegen in einem wüsten Wirbel zwischen Haufen von Ziegelsteinen. Alle Fensterscheiben im Schloss sind kaputt, im Garten Granattrichter, heruntergeschossene Äste, Stroh von Biwaks; die Verwüstung ist von den Haustieren vollendet worden, Schweinen, Kühen, die wild herumlaufen und Alles aufgewühlt und zerstampft haben. Nachmittags war grosse Treibjagd auf wildgewordene Schweine im Park; die ganze Dorfjugend mit Stöcken hinterher, natürlich erfolglos. Die Russen haben den zurückgebliebenen Inspektor getötet, man hat ihn mit abgeschnittenen Ohren vergraben im Garten gefunden. Aus allen Dörfern auf dem Wege haben sie die Männer und jungen Leute über 16 Jahren fortgeschleppt. – Trotz dieser Umstände war der Besitzer von Adl Paddeim, ein gewisser Steinke, Nichts weniger als freundlich gegen unsere Truppen. Der Oberleutnant einer Batterie des 6ten Garde Feldart. Regts., die vor uns vier Tage hier gelegen hat, kam auf mich zu, als wir einritten, stellte sich mir vor und sagte, er halte es für seine Pflicht, mich vor dem Besitzer zu warnen, er habe sich als ein sehr unangenehmer Quartierwirt erwiesen und denke nur daran, an dem Krieg viel zu verdienen. Ich sagte dem Mann daher gleich, er bekäme Alles, was wir nähmen, bezahlt, er solle nur sagen was er haben wolle für Heu, Kartoffeln, Fleisch, einen Bullen, den ich ihm abkaufte u. s w. Trotzdem war er den ganzen Nachmittag mit allerlei Redensarten hinter den Leuten her, weil sie zuviel Stroh zum Lager nähmen, verbot ihnen, in seiner Küche Kaffee zu kochen, sagte schliesslich: Er wünsche nur eines, dass eine russische Granate in sie hineinflöge, zwanzig Russen seien ihm lieber als ein Deutscher; und als ich ihn wegen dieser Redensart und der Belästigung der Leute stellte, wurde er ausfallend, bis ich drohte ihn zu arretieren, worauf er sich nicht mehr blicken liess. Ich notiere Dieses, weil es bezeichnend ist für die Stimmung und Gesinnung einer Anzahl mittlerer Gutsbesitzer in Ostpreussen, die offenbar Nichts dagegen hätten, wenn Russland Ostpreussen annektierte. Fülscher hat ähnliche Erfahrungen beim Domänenpächter in Saalau, Dohna und Marschall haben sie anderwärts gemacht. Diese Leute empfinden die siegreiche Rückkehr unserer Truppen nach Ostpreussen ausschliesslich als Belästigung.

Kowno. Übergang der deutschen Truppen über die Notbrücke des Njemen

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