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Georgios Chatzoudis | 26.02.2015 | 1017 Aufrufe | Interviews

"Mehr zusätzliches Hilfsmittel als Bürge der Wahrheit"

Interview mit Mirjam Brusius zur Geschichte der Fotografie

Im vergangenen Jahr wurde das 175jährige Jubiläum der Fotografie begangen. Tatsächlich aber ist die Geburtsstunde der Fotografie alles andere als eindeutig. Bis heute streiten sich die Experten, ob es den Erfinder oder die Erfindung der Fototechnik überhaupt gibt. Die Kunst- und Wissenschaftshistorikern Dr. Mirjam Brusius der University of Oxford forscht seit Jahren zu einem der Fotopioniere des 19. Jahrhunderts: William Henry Fox Talbot. Wir haben ihr unsere Fragen zur Geschichte der Fotografie sowie zu ihrem heutigen Stellenwert angesichts der digitalen Herausforderung gestellt.

Bild links: Dr. Mirjam Brusius, Kunst- und Wissenschaftshistorikerin an der University of Oxford
Bild rechts: Bust of Patroclus, Fotografie von William Henry Fox Talbot, August 9, 1843 (CC-PD-Mark, WikimediaCommons)

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"Das Jubiläum der Fotografie in Tandem mit anderen Jubiläen reflektieren"

L.I.S.A.: Frau Dr. Brusius, als Kunst- und Wissenschaftshistorikerin beschäftigen Sie sich wissenschaftlich mit der Geschichte der Fotografie. Das 175jährige Jubiläum liegt gerade hinter uns. Ist es überhaupt jemandem aufgefallen, bei der Flut an Jubiläen die es im Jahr 2014 gab? Was ist in Ihren Augen hängengeblieben?

Dr. Brusius: Ja, eine Zeitlang hatte ich tatsächlich den Eindruck, das Jubiläum würde unter der Berliner Mauer begraben oder im Kanonenhagel des ersten Weltkriegs untergehen. Es gab jedoch einige beeindruckende Ausstellungen, die zum Beispiel zeigten, dass das Medium gerade in solchen Konfliktzeiten nie an Sprengkraft verloren hat. Historische Ereignisse wurden häufig durch die Fotografie erst ikonisch definiert und schrieben sich so erst in das kollektive Gedächtnis ein. Im Jubiläumsjahr waren Roger Fentons Kriegsfotografien aus den 1850er Jahren gleichzeitig mit Simon Norfolks fotografischen Dokumente aus dem Afghanistankrieg von 2001 in London zu sehen. Beide Fotografen bedienten sich trotz der großen Zeitspanne einer ähnlichen Ästhetik der Leere. Und so wie Krieg und Fotografie nie auseinander zu denken sind, war es für mich persönlich interessant, das Jubiläum der Fotografie in Tandem mit anderen Jubiläen zu reflektieren: Denn während es sich bei beim Gedenken um den Beginn des Ersten Weltkriegs oder zum Mauerfall um konkrete und zeitlich definierbare historische Ereignisse handelt, wurde es bei “10 Jahre” Facebook (das angeblich 2004 erfunden wurde) schon schwieriger. Wie lassen sich wissenschaftliche Erfindungen, die vor allem auf Kontexten und Prozessen beruhen, überhaupt historisch auf einen Beginn festlegen? Mit der Fotografie ist das nicht anders. Fotohistoriker haben bereits vor langer Zeit darauf hingewiesen, dass es bereits vor 1839 Experimente gegeben hatte und die Fotografie vor 175 Jahren lediglich öffentlich bekannt gemacht wurde.

Aber zurück zu Ihrer Frage: Mehr als die Ausstellungen und neuen Publikationen, die um das Jahr 1839 kreisen haben mich daher vor allem einige wenige Publikationen beeindruckt, die sich um das Erfindungsjahr wenig geschert haben und stattdessen gefragt haben: Warum gibt es weiterhin diese Flut an neuen Publikationen, die die Stunde Null immer wieder auf 1839 setzen? Warum immer diese Artikel über angebliche Neuentdeckungen von noch früheren “ersten Fotografien”? Warum ist es denn überhaupt so wichtig, die Erfindung der Fotografie festgelegen? Wenige KunsthistorikerInnen würden die Suche nach den Ursprüngen der Skulptur oder Malerei so obsessiv und beharrlich betreiben. Die Antworten hierauf sind komplex und haben viel mit der Geschichte des Faches Kunstgeschichte zu tun, in der sich die Fotografie zunächst immer wieder behaupten musste. Weitere hilfreiche Antworten hierauf liefert die Wissenschaftsgeschichte, die etwa nach den sozialen und technischen Konditionen von Erfindung und Erfinder fragt. Erfindungen sind retrospektiv „erfundene“ Konstrukte. Das Jahr 1839 ist da keine Ausnahme.

Joseph Nicéphore Niépce (1826–1827): Blick aus dem Arbeitszimmer in Le Gras. 20×25 cm auf ölbehandeltem Asphalt. Durch die 8-stündige Belichtungszeit erscheinen die Gebäude sowohl rechter- als auch linkerhand sonnenbeschienen. Dieses Foto gilt allgemein als erstes der Welt.

"Den Erfinder, geschweige denn die Erfindung der Fotografie, hat es nicht gegeben"

L.I.S.A.: Die Ursprünge der Fotografie sind vor allem mit zwei Männern verbunden: Louis-Jacques-Mandé Daguerre und William Henry Fox Talbot. An wen erinnert man sich heute als Vater der Fotografie?

Dr. Brusius: Sowohl Daguerre als auch Talbot haben heute feste Plätze in der frühen Fotogeschichte. Man nennt sie gerne in einem Atemzug und stellt meist ihre Konkurrenz in den Vordergrund, doch sie arbeiteten an sich an völlig unterschiedlichen Bildgebungsverfahren. Während Daguerres Prozess Unikate hervorbrachte, war Talbots Technik reproduzierbar und somit Vorläufer des analogen positiv-negativ Verfahrens, das bis vor kurzem weitgehend im Gebrauch waren. Doch nicht nur ihre Techniken unterschieden sich: Daguerre war Künstler, u.a. Panoramazeichner in Paris, Talbot ein Amateurwissenschaftler der gehobenen viktorianischen Klasse. Auch durch diese unterschiedlichen sozialen Kontexte ist es problematisch, beide in einen Topf zu werfen.

Tatsächlich waren die beiden jedoch sowieso in den 1830er Jahren nicht die ersten, denen es gelang, mit Licht und Chemie generierte Bilder zu produzieren. Joseph Nicéphore Niépce war bereits in den 1820er Jahren an diesem Punkt. Man könnte jetzt natürlich immer neue Akteure ins Spiel zu bringen und immer weiter zurück gehen, bei Aristoteles‘ Lochblende 400 v. Chr. anfangen. Tatsache ist, dass es den Erfinder, geschweige denn die Erfindung der Fotografie ohnehin nicht gegeben hat. Wie ließe sich der erste Erfolg eines fotografischen Bildes auch definieren? Bereits durch frühe Lichtexperimente oder nur durch das erfolgreiche Fixieren eines Bildes auf einer fotosensitiven Platte? Viel wichtiger wäre es meiner Meinung nach, den Blick auf Protagonisten außerhalb Europas zu lenken. „Erste Fotografien“ gab es schließlich an vielen Orten und ein Blick auf neue geographische Gegenden würde die Fotogeschichte enorm bereichern und uns wenig bekannte ästhetische Traditionen, soziale Kontexte und Techniken näher bringen.

Bild links: William Henry Fox Talbot 1844
Bild rechts: L.J.M. Daguerre im Jahr 1844

"Talbot wollte die Fotografie für die Wissenschaft nutzbar machen"

L.I.S.A.: Sie haben sich bereits in Ihrer Doktorarbeit mit Talbot beschäftigt. Worauf lag dabei der Fokus?  

Dr. Brusius: Die Talbot-Forschung befindet sich wie die gesamte Forschung zur Frühzeit der Fotografie im Umbruch. Talbots Archiv wurde in den letzten Jahren durch Schenkungen und Akquisitionen erstmals in seiner Gesamtheit in der British Library in London und in der Bodleian Library in Oxford der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Während sich seine Fotografien bereits vorher in öffentlichen Sammlungen befanden und somit gut erforscht sind, hat sich kaum jemand sein fotografisches Schaffen im Kontext seines Gesamtarchivs angesehen und neu interpretiert, welches in privater Hand war.

Seine Fotografien sind aber nur ein Mosaikstein eines größeren Gedankengebildes. Ich hatte das Glück während meiner Doktorarbeit an der British Library Talbots Notizbücher erstmals zu katalogisieren, deren Spannweite von Optik, Mathematik über Philologie und Botanik bis hin zur Altertumswissenschaft reicht. Mich interessiert, wie Talbots Fotografien nun zu verorten sind, wenn sie plötzlich nebensächlich werden. Denn tatsächlich machen sie nur einen Bruchteil im Gesamtarchiv aus. Auch nur eine Handvoll der Notizbücher handelt von Fotografie. Über hundert Notizbücher widmen sich hingegen der Assyriologie, ein Fach, das mit der Ankunft von Grabungsobjekten aus Mesopotamien um 1850, die Talbot emsig verfolgte, in Europa Konjunktur gewann. Talbots Fotografien waren jedenfalls keine Kunst in dem Sinne, wie wir „Kunst“ heute verstehen; ein Kontext, in dem die Bilder bisher verortet wurden. Talbot hatte vielmehr ein persönliches Interesse, die Fotografie für die Wissenschaft nutzbar zu machen.

Herbarium und Manuskript aus dem Talbotarchiv der Bodleian Library, University of Oxford

"Als Werkzeug für Archäologen und Kuratoren im Museum im Gespräch"

L.I.S.A.: Zuletzt haben Sie ein neues Buch veröffentlicht, das sich mit der Absenz der Fotografie und der Antike auseinandersetzt. Wie passen Altertum und Fotografie zusammen?

Dr. Brusius: Es wäre nicht übertrieben zu behaupten, dass sich beide von Beginn an gegenseitig bedingten. Talbots erste Motive waren Skulpturen. Auch andere Fotografen bedienten sich dieser Motive, da sie stillstanden, was die langen Belichtungszeiten begünstigte. Schon bald war das Medium als Werkzeug für Archäologen und Kuratoren im Museum im Gespräch; später wurde es unabdingbares Werkzeug der Kunstgeschichte. Talbot war bald mehr Advokat als Fotograf und versuchte, seine „Erfindung“, wenn wir sie jetzt mal so nennen wollen, innerhalb seines weiten Netzwerks von Wissenschaftlern und Antiquaren als Werkzeug bekannt zu machen. Dies gelang ihm jedoch nur bedingt: Für Wissenschaftler, etwa einen Archäologen oder Astronom um 1850, war es keineswegs ersichtlich, weshalb man zum Beispiel Zeichnungen durch komplizierte optische und chemikalische Prozesse ersetzen sollte, die es unter anderem erforderlich machten, teure Experten anzustellen, die sich am Ende doch nicht auskannten oder auf Reisen an Cholera erkrankten und eine tonnenschwere Ausrüstung durch die Wüste zu schleppen, um am Ende festzustellen, dass die Chemikalien in den veränderten klimatischen Bedingungen verrückt spielten und man die Negative zum Entwickeln mit dem Esel nach Hause schicken musste.

Dass Talbot sich dennoch beharrlich zeigte, war nicht uneigennützig. So wechselte er nach zehn Jahren die Seiten vom Erfinder zum Nutzer: er selbst widmete sich das letzte Lebensdrittel der Entzifferung von Keilschrift und brauchte selbst Fotografien, um in seinem Country House Keilschrifttafeln entziffern zu können, da er als „armchair scientist“ zum einen nicht abenteuerlustig genug war, um selbst nach Mesopotamien zu reisen, zum anderen Amateurwissenschaftler, der den Kuratoren am British Museum mit seinen Sonderwünschen und Besuchen recht schnell auf die Nerven fiel, weshalb er nicht immer Zugang erhielt. Einige sahen in ihm auch eine Konkurrenz.

Ironischerweise gestand Talbot gegen Ende seines Lebens ein, dass es sich bei Fotografien mitunter um problematische und unzulässige visuelle Wiedergaben handelte, die nur selten alleine als Quelle dienen konnten und verlangte zusätzliche Zeichnungen. Das Medium war also im 19. Jahrhundert mehr zusätzliches Hilfsmittel als Bürge der „Wahrheit“ oder gar ultimativer Beweis. Neuere Forschungen distanzieren sich daher immer mehr von einer teleologisch ausgerichteten Fotogeschichte, in der immer alles „funktioniert“.

Bild links: Windsor Castle From Across The River, (c. 1842/46)
Bild rechts: Salted paper print by Henry Fox Talbot, plate XIX from the album "Sun Pictures in Scotland" (1845)

"Das Digitale tut dem Ganzen keinen Abbruch – im Gegenteil"

L.I.S.A.: Die Fotografie hat sich durch die Digitalisierung fundamental gewandelt. Sowohl von der Ursprungstechnik als auch von ihrer Repräsentationskraft ist heute so gut wie nichts mehr übrig geblieben? Stimmen Sie dem zu?  

Dr. Brusius: Mich interessieren in der Fotogeschichte eher Gemeinsamkeiten als Brüche. Talbots Konzept vom Sammeln von Informationen auf einem zweidimensionalen Raum, etwa auf Papier, war bereits in seiner Praxis angelegt, alles von Kind an in Notizbüchern zu notieren. Objekte auf Fotografien waren für ihn im Grunde genommen nichts anderes als auf Papier notierte Gedanken. Auch die digitale Fotografie unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht (etwa in der Optik) vom Prinzip her wenig von ihren Vorgängern. Durch die Digitalisierung ist vielleicht in der breiten Öffentlichkeit mehr ins Bewusstsein gerückt, dass Fotografien per se manipulierbar sind. Das ironische ist doch aber, dass es sich inzwischen zwar herumgesprochen hat, dass Fotografien manipulierbar sind, es aber dennoch keine Bildform gibt, die so viel Schock auslösen kann, der wir so viel Glauben schenken.

Wir unterrichten mittlerweile StudentInnen, die auf ihren Mobiltelefonen täglich wachsende Bildarchive gespeichert haben, während unsereiner früher, so komisch es in meinem Alter klingt, höchstens einen winzigen Bruchteil der Anzahl dieser Bilder in einem Schuhkarton sammelte. Allein das sagt schon viel über den derzeitigen Stellenwert des Mediums aus. Eine Kollegin erzählte mir neulich, sie würde ihre Vorlesung mit der Bitte an ihre Studierenden beginnen, ihre Telefone herauszuholen und alle gespeicherten Fotos zu löschen. Die schiere Unfähigkeit, das zu tun, ist für sie das Essentielle, das Wahrhaftige an der Fotografie. Das Digitale tut dem Ganzen keinen Abbruch – im Gegenteil.

Dr. Mirjam Brusius hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Weitere Informationen

Dr. Mirjam Brusius ist Mitherausgeberin von William Henry Fox Talbot: Beyond Photography. Ihre Monographie über Talbot erscheint in Kürze auf deutsch beim De Gruyter Verlag und im nächsten Jahr in veränderter Form auf englisch bei The University of Chicago Press. Ihre Forschungen wurden u.a. durch die Gerda Henkel Stiftung ermöglicht. Sie referiert regelmäßig über frühe Fotografie, z.B. demnächst über Persien auf der Konferenz Photography’s Shifting Terrain oder als Podiumsteilnehmerin auf der Konferenz Rethinking Early Photography. Zuletzt erschienen von ihr Artikel über die „Erfindung der Fotografie“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und in The Guardian.

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