Von Kant bis Heine:
Philosophische Kämpfe mit dem Judentum

Kapitel 12

Von Kant bis Heine: Philosophische Kämpfe mit dem Judentum
(Kapitel 12)

Ein Text von Anna Katharina Göb

Als Grundlage für Nirenbergs Argumentation dient in diesem Kapitel der deutsche Idealismus von 1781 bis 1831. In dieser Zeit hat die Wissenschaft sowie der Empirismus und damit der Wunsch, die Welt auf wissenschaftliche Weise erschöpfend erkennen und darstellen zu können, einen hohen Stellenwert. Auf dieser Basis emanzipiert sich neben dem 'freien Geist' der Gebrauch der Vernunft, welche von den Philosophen dieser Zeit in ihre unterschiedlichen Theorien eingebunden und gleichzeitig instrumentalisiert werden.

"Philosophen-Propheten"

Wenngleich der inhaltliche Gegenstandsbereich sowie die Umsetzung der Theorien der jeweiligen Philosophen, zu denen u.a. Johann Gottlieb Fichte (1762 - 1814), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 - 1831), Immanuel Kant (1724 - 1804) und Christian Johann Heinrich Heine (1797 - 1856) zählen, einige Differenzen- bzw. unterschiedliche Schwerpunkte aufweisen, so lässt sich in ihren Kernthesen dennoch ein gewisser Grad an Ähnlichkeit erkennen. Letztendlich geht es bei all diesen philosophischen Standpunkten um das Erlangen von Freiheit und Unabhängigkeit von vorherrschenden Notwendigkeiten und der Welt selbst, mit Hilfe der Bedienung des eigenen Verstandes (Kant: „sapere aude“). Doch durch diesen Vernunftgebrauch und des aktiven Bewusstwerdens des Verstandes wird gleichzeitig das gesamte Weltbild der damaligen Zeit verändert sowie die Stellung des Menschen zur Natur und zu dem schöpferischen Bild Gottes in Frage gestellt. Die Religion als solche rückt damit in den Hintergrund und verliert an Wertigkeit.
Gleichzeitig sollen die bis dato vorhandenen Grenzen und moralischen Gesetzmäßigkeiten unterstützend von philosophischen und wissenschaftlichen Denkansätzen überwunden werden, wodurch ein Dualismus und eine Grenzhaftigkeit zum Tragen kommen, welche es wiederum zu überwinden gilt. Es lässt sich jedoch nur etwas überwinden, was auch als Hürde – als Grenze – als eben solche Zwangslage wahrgenommen und erkannt wird. Alte Denkmuster und -gewohnheiten sollen abgelegt werden und der menschliche Geist soll in seiner fortschreitenden Entwicklung zur eigenen Vervollkommnung zunehmende Unterstützung erfahren. Um der „bestehenden Gemeinschaft“ (Nirenberg, S. 409) diesen Zustand vergegenwärtigen und vermitteln zu können, sehen sich die "Philosophen-Propheten" in der Situation, auf gerade die von Ihnen ablegungswürdigen Denkgewohnheiten zurückzugreifen und sich ebenfalls gängigen Dogmen und Stereotypen zu bedienen, um die gewünschte und notwendige Verständlichkeit hervorbringen zu können.
Die Freiheit steht damit erneut der Knechtschaft gegenüber, der menschliche Geist wiederum der materiellen Welt und somit auch das Christentum dem Judentum (Nirenberg, S. 397), wodurch sich auf paradoxe Weise die wünschenswerte Grenzüberwindung des Judentums und der Drang dies philosophisch und ohne Bibel und Prophezeiung schaffen zu wollen, in einer bis dahin nicht da gewesenen Schärfe äußern. Denn die „Negativrolle“ der Juden wird nun aus der Verkleidung der Religion herausgelöst und in eine Form der Wissenschaft gegossen, welche sich, auf wissenschaftliche Ebene emporgehoben, als sehr mächtiges Instrument herausstellt. Die bekannten verinnerlichten „Glaubensartikel“ wandeln sich zu einem „wissenschaftlichen Axiom“, da nun im „Namen der Vernunft“ und nicht mehr im „Namen Gottes“ gesprochen wird. (Nirenberg, S. 406)

Verwischen von Bildlichkeit und Realität

Der paradoxe Aspekt der zuvor beschriebenen Entwicklung erfährt eine traurige Zuspitzung, wenn man Nirenbergs Quellenangaben folgt, welche sich in diesem Kapitel weitestgehend auf die Theorieansätze der genannten Philosophen fokussieren. Denn diese offenbaren, dass einige Philosophen (u.a. Heinrich Heine und Arthur Schopenhauer) selbst die entstehenden Gefahren dieser wissenschaftlich- und philosophiegeprägten Denkansätzen frühzeitig erkennen und sogar bereits die möglichen grausamen Entwicklungen und Auswirkungen erahnen. (Nirenberg, S. 419) So äußert beispielsweise Heine, welcher selbst jüdischer Abstammung war, in Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland:

„Der Gedanke geht der That voraus, wie der Blitz dem Donner […]".
(Nirenberg, S. 419)

Und dennoch scheint auch er, ähnlich wie Schopenhauer, welcher eine Entwicklung der Philosophie zur reinen „Judenmythologie“ (Nirenberg, S. 412) vehement negiert, selbst nicht in der Lage zu sein, dem eigenen Dogmenrückgriff im Argumentationsverlauf zu entsagen. Dies verdeutlicht, dass die weitverbreiteten Denkgewohnheiten über das Judentum ebenfalls die potentiellen Weltdeutungen der Philosophen mitformen, bestimmen und beeinflussen.

An dieser Stelle präzisiert Nirenberg die eigentliche Problematik und das damit einhergehende fatale Ausmaß dieser neuen "bildlichen Überschwemmung des Judentums". (Nirenberg, S. 422)
Denn durch die reale Auswanderungswelle aus den osteuropäischen Gebieten, die in diesem Zeitraum (1848 - 1918) durch ein Zusammenspiel von unterschiedlichen Faktoren hervorgerufen wird, erfolgt ein Zusammentreffen und eine Verwischung von Bildlichkeit und Realität, welches die Ängste einer vermeintlichen „Judaisierung“ innerhalb der Bevölkerung fokussiert und darüber hinaus multipliziert. Die zurückliegende Revolution, die beginnende Industrialisierung sowie die Urbanisierung verursachen Angst vor Verlust, vor einem Rückgang von (Nächsten-) Liebe, vor sozialen Bindungen und dem Wegfall von Gott und der bis dahin haltgebenden Religion. Die Angst vor Materialismus und Eigennutz bietet damit einen Nährboden für die hier entstehende „Wissenschaft des Judenhasses“ (Nirenberg, S. 392) und sorgt dafür, dass sich auch in dieser Zeit „das jüdische Prinzip der Entgegensetzung des Gedankens gegen die Wirklichkeit“ (Nirenberg, S. 403) effektiv verwurzeln kann.

Fazit

Durch die Philosophen des deutschen Idealismus und ihren Theorien wurde die Negativrolle der "Juden" aus dem Kontext der Religion herausgelöst und auf einer Ebene der Wissenschaft neu definiert. In seiner Analyse arbeitet Nirenberg heraus, dass die Gegenüberstellung von „Vernunftgebrauch“, „freiem Geist“ und „materieller Welt“ den Dogmen des Judentums als „wissenschaftliches Axiom“ neue Macht verliehen. Die kritischen Denker bestärkten damit, laut Nirenberg, die bildliche Überschwemmung Europas durch das Judentum und ließen Realität und Fiktion gefährlich ineinander laufen.